Es läuft nicht gut in Afghanistan. Die Sicherheitslage verschlechtert sich ständig, die Zahl der Bombenanschläge und Selbstmordattacken steigt und der Arm der Regierung Karzai reicht nicht weit über die Stadtgrenzen von Kabul hinaus. Regionale Kriegsherren und Drogenbarone sitzen im Kabinett neben Ministern, die ordentliche und ehrliche Arbeit leisten. Korruption und Vetternwirtschaft grassieren im Lande. Misswirtschaft und ein erschreckender Mangel an Rechenschaftspflichtigkeit gehen Hand in Hand. Die Wirtschaft liegt danieder, Arbeitslosigkeit wird für viele zum Dauerzustand, und die Anpflanzung von Mohn ist für viele Dorfbewohner die einzige Einkommensquelle. Die überkommenen Stammesstrukturen stehen dem Bemühen um state-building im Wege.

Würden mehr Truppen irgendetwas daran ändern können? Es ist zu bezweifeln. Etwa 50.000 Soldaten sind bereits dort. Wenn wir dieselbe Truppendichte pro Quadratkilometer wie beispielsweise im Kosovo haben wollten, müssten wir zusätzlich zwischen 300.000 und 400.000 Mann entsenden. Das ist schlichtweg undenkbar. Mit größter Wahrscheinlichkeit würde eine derart massiv aufgestockte ausländische Militärpräsenz den Aufstand der Radikalislamisten nur weiter anheizen.

Aber auch eine Ausweitung der zivilen Aufbauhilfe wäre wohl kein Allheilmittel. Gewiss, die internationale Staatengemeinschaft hat bisher vielleicht nicht genug getan: Hilfsgelder in Höhe von 15 Milliarden Dollar sind nicht einmal die Hälfte dessen, was den Afghanen seit 2001 versprochen wurde. Überdies ist ungefähr ein Drittel dieser Summe für ausländische Berater, ausländische Hilfsorganisationen und ausländische Großlieferanten ausgegeben worden. Ebenso wenig lässt sich die Tatsache leugnen, dass ein Gutteil der Gelder in den Taschen raffgieriger afghanischer Beamter und Politiker verschwunden ist. Eben hat der Westen wieder weitere Milliarden an Hilfszahlungen zugesagt, aber ohne bessere Koordinierung der Projekte und schärfere Aufsicht über die Verwendung der Gelder wird die Wirkung abermals begrenzt bleiben.

In einer vor Kurzem veröffentlichten Studie vertritt die amerikanische Denkfabrik Rand Corporation den Standpunkt, dass die U.S. Regierung ihren "Krieg gegen den Terror" vom Ansatz her neu überdenken muss. Militärische Feldzüge, argumentiert der kalifornische Think-Tank, hätten gegen Guerillas selten Erfolg gehabt; die Arbeit der Polizei und der Geheimdienste sei da wichtiger; schließlich dürfe man sich nie vor Verhandlungen mit den Aufständischen scheuen, um eine politische Lösung zu erreichen.

Die Argumente sind vernünftig. Gestehen wir uns ein, dass sich zwischen erforderlichen und vorhandenen Ressourcen eine breite Kluft aufgetan hat. Und reden wir uns lieber nicht ein, dass wir militärisch reüssieren könnten, wo Alexander der Große vor 2.300 Jahren scheiterte, wo die Briten im 19. Jahrhundert eine bittere Niederlage erlitten und die Sowjets im 20. Jahrhundert schmählich den Rückzug antreten mussten. Auch sollten wir uns von der Annahme verabschieden, wir könnten die afghanische Gesellschaft nach westlichem Vorbild ummodellieren. Schon der bloße Versuch würde sich gegen tief verwurzelte traditionelle und religiöse Werte richten und wäre allein deswegen zum Scheitern verurteilt.

Am Ende mag ein "Taliban-lite"-Regime wohl das beste sein, was wir erreichen können: fromm, aber ohne Verbindung zu al-Qaida, islamisch, aber nicht terroristisch, nicht westlich, aber auch nicht anti-westlich.