ZEIT ONLINE: Was treibt Russland, Georgien anzugreifen?

Uwe Halbach: Es ist eine Abstrafung Georgiens für eine Reihe von Vorstößen, von denen sich Russland seit einigen Jahren provoziert fühlt. Russland straft Georgien für seine ausgeprägte Westausrichtung ab, für die erste Farbrevolution, die im postsowjetischen Raum stattgefunden hat, die sich in der Ukraine fortgesetzt und die aus russischer Sicht eine Gefährdung des gesamten GUS-Raum dargestellt hat. Vor allem seit der Spionage-Krise 2006 haben sich die Beziehungen zwischen Georgien und Russland dramatisch verschlechtert. Russische Spione wurden mit großer Inszenierung in Georgien verhaftet. Russland hat zähneknirschend reagiert, mit Maßnahmen gegen georgische Migranten und mit wirtschaftlichen Strafen. Jetzt gehen die Maßnahmen ins Militärische über.

ZEIT ONLINE: Die Amerikaner wurden von diesem Konflikt einigermaßen kalt erwischt. Einige Beobachter behaupten aber, dass es schwer vorstellbar sei, dass die USA nichts von der georgischen Reaktion gewusst haben. Was halten Sie davon?

Halbach: Das ist sehr schwer zu beantworten. Natürlich unterstützten die Amerikaner Georgien. Sie haben die militärische Modernisierung der georgischen Armee vorangetrieben und stellen sich ohne Wenn und Aber hinter die Integrität Georgiens. Die russische Seite behauptet, dass jede Provokation von georgischer Seite auf den Einfluss Washingtons zurückzuführen sei. Washington hat aber einige Male auf Georgien beschwichtigend eingewirkt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Offensive gegen Südossetien von den Amerikanern abgesegnet worden ist.

ZEIT ONLINE: Aber vielleicht auch nicht ausdrücklich verhindert?

Halbach: Das wirft die Frage auf, wie weit der amerikanische Einfluss auf Saakaschwili greift. Georgien wurde stets von ihrem westlichen Partner ermahnt, sich von einer militärischen Konfliktlösungen fernzuhalten. Georgien hat eine Doppelsprache bemüht: einerseits Friedensinitiative mit neuen Autonomieangeboten an Südossetien, anderseits Säbelrasseln – Letzteres wurde von der westlichen Seite nicht unterstützt.

Georgische Truppen feuern Raketen auf Stellungen der Separatisten in der Nähe der Stadt Tskhinvali © ZEIT ONLINE

ZEIT ONLINE: Kann es sein, dass Georgiens Präsident Saakaschwili gedacht hat, dass die USA militärisch eingreifen würden?