Die Deutschen haben das Image, ängstlich zu sein. Das hat im angelsächsischen Raum zu dem Begriff der German Angst geführt. Aber vor der "Gelben Gefahr" (ursprünglich ein Begriff aus der Kolonialzeit, mit dem Ressentiments gegen die asiatischen Völker geschürt werden sollten) hat sich ganz Westeuropa und Amerika in den Siebzigern und Achtzigern gefürchtet.

Der Erfolg der Japaner beim Automobilbau und, später, in der Computerindustrie, wurde nicht nur sportsmännisch mit Konkurrenzdenken beantwortet, sondern als existenzielle Bedrohung wahrgenommen. Beim Anblick von japanischen Comicfiguren und dauerlächelnden Businessmen, die scheinbar ohne Mimik in einer Art Vogelsprache kommunizierten, meinte mancher schon den Untergang des Abendlands nahen zu sehen. Von gestandenen Unternehmern hörte man Esoterisches: Die japanischen Religionen (Shintoismus und Mahayana-Buddhismus) würden anorganische und organische Materie gleichermaßen huldigen, daher hätten Japaner weniger Angst vor einer Voll-Automatisierung des Lebens. Also würden sie Roboter ebenso lieben wie ihre Zen-Gärten ...

Heute hat China die Rolle des Großen Unbekannten übernommen. Und es ist viel größer als Japan, zweifelsohne. Die Anzahl der Hinrichtungen in China, das Ausmaß der (möglichen) ökologischen Desaster, der weiträumige Umbau oder auch Abriss ganzer Stadtteile – Chinas Superlative setzen der (europäischen) Fantasie keine Grenzen.

Die Eröffnungsfeierlichkeiten der Olympischen Spiele wurden von deutschen Kommentatoren dementsprechend in der Traditionslinie der Mystifizierung der "Gelben Gefahr" aus dem Fernen Osten wahrgenommen: So zeigten sich viele Kommentatoren gleichzeitig beeindruckt und erschreckt von der perfekten Inszenierung in Peking. Selbst das Wetter kontrollierten die chinesischen Organisatoren: Als kurz vor der Eröffnung ein Gewitter drohte, schossen die Wettermacher Raketen mit Jod-Kugeln in den Hauptstadt-Himmel, woraufhin der Platzregen am Stadtrand niederging. Das passte zur minutiös geplanten Show, bei der sich Tausende Akteure präzise wie ein gespenstisches Uhrwerk bewegten. Diese Regie über jedes noch so kleine Detail beflügelt angstvolle Fantasien: China sei eine perfekt durchorganisierte Gesellschaft, die olympische Siege genauso planmäßig vorbereitet wie den wirtschaftlichen Durchmarsch an die Weltspitze. Natürlich auf Kosten der liberalen, aber leider nicht so effizienten westlichen Demokratien – also von uns.

Die Inszenierung der Eröffnungsfeierlichkeiten fördert unsere Skepsis - eine monumentale Show, in der der Einzelne nur zählt, wenn er sich reibungslos ins Kollektiv einfügt. Selbst die Darbietungen eines Individualisten wie Lang Lang scheint die Macht der Massen nur zu bestätigen: Nur einer ist auserwählt, umso mehr müssen sich alle anderen fügen. Exponiertes Solitär oder reguliertes Kollektiv scheinen die einzigen Formen öffentlicher Präsenz zu sein.

Diese aus seiner Sicht augenfällige Dominanz des Kollektivs gegenüber dem Individuum erschreckt den seit der Renaissance aufs Subjekt fixierten Europäer. Wir geben uns geradezu rührende Mühe, einzigartig und besonders zu sein (nichts beschämt mehr als eine Sitznachbarin im ICE mit der gleichen H & M-Bluse), und "dort" scheinen alle bestrebt, das Gemeinsame zu betonen.