In der vergangenen Woche veröffentlichte der amerikanische Medizinstatistiker Donald A. Berry von der University of Texas einen Artikel in "Nature", in dem er die internationalen Dopinglabors scharf angreift. Sein Vorwurf: Ihre Methoden seien undurchsichtig und beruhten auf fehlerhafter Statistik. Am Beispiel des Radrennfahrers Floyd Landis, dem im vergangenen Jahr der Tour-de-France-Sieg wegen Testosteron-Dopings aberkannt wurde, stellt Berry Berechnungen an, die ihn zu dem Schluss führen, die Beweislage gegen Landis sei äußerst wackelig. Berry befürchtet, dass bei den Olympischen Spielen reihenweise unschuldige Sportler in die Dopingtest-Falle tappen könnten, während schuldige ungeschoren davonkommen.

ZEIT ONLINE: Halten Sie die Dopingforschung für wissenschaftlich?

Donald Berry: Nein.

ZEIT ONLINE: Wieso nicht?

Berry: Wenn jemand positiv auf eine Krankheit oder eine Dopingsubstanz getestet wird, dann muss man einige Zahlen kennen, um das Ergebnis zu beurteilen: Die Prävalenz des Phänomens, also wie viele Sportler dopen, oder etwas über den Sportler selber, um die Wahrscheinlichkeit einzuschätzen, dass er gedopt hat. Dann die Wahrscheinlichkeit, dass ein Dopingsünder auch tatsächlich ein positives Resultat bekommt – die sogenannte Sensitivität – und der Anteil der Nicht-Dopenden, die positiv getestet werden, das nennt man die Spezifizität.

ZEIT ONLINE: Und diese Zahlen bekommt man nicht von den Dopinglabors?

Berry: Das ist das Problem. Die Doping-Community gibt sich da sehr verschlossen. Sie wollen nicht, dass Leute wie ich in ihren Daten herumschnüffeln. Sie glauben, dass sie selber schon wissen, was sie tun.

ZEIT ONLINE: Es gibt ja auch gute Gründe für eine gewisse Geheimniskrämerei.

Berry: Sie haben sicher ihre Gründe, aber sind das gute Gründe? Gut, man sollte einer Maus nicht erklären, wie die Mausefalle funktioniert. Aber nach meiner Kenntnis hat jedes Doping-Labor andere Verfahren und andere Grenzwerte. Ich habe zum Beispiel gehört, dass das Labor der University of California in Los Angeles bei Tests auf Testosteron eine Probe nur dann positiv nennt, wenn die Werte für vier Abbauprodukte ungewöhnlich sind. Bei Radfahrer Floyd Landis waren nur zwei Werte ungewöhnlich.

ZEIT ONLINE: Wenn man eine solche Regel aufstellt, wann man eine Probe positiv nennt – muss man die nicht an bekannten Proben verifizieren?

Berry: Das genau ist der Kern meines Arguments. Wir wissen nicht, wie genau die Tests sind, man muss unabhängige Versuche machen, um die Genauigkeit einzuschätzen. Und das ist nicht einfach – man braucht Proben, von denen man sicher weiß, ob sie von einem Doper oder einem Nicht-Doper kommen. Also kann man nicht die Werte anderer Sportler als Grundlage nehmen, die behaupten ja alle, dass sie nicht dopen.

ZEIT ONLINE: Wie wollen Sie denn an solche Zahlen kommen?

Berry: Das kommt auf die Substanz an. Wenn der Stoff wirklich gesundheitsgefährdend ist, dann kann man keine solche Studie machen, das wäre unethisch. Aber beim Testosteron geht es um einen Stoff, den man in der Drogerie kaufen kann. Viele älter werdende Männer nehmen das, um ihrer Libido auf die Sprünge zu helfen.