Ein historischer Abend. Beim Fechten. Vornehmer Sport eigentlich. Eine von nur vier Sportarten, die bei allen Olympischen Spielen der Neuzeit dabei waren. Man spricht Französisch. Im Aufzug hinauf in den vierten Stock der Fechthalle auf dem Olympiagelände läuft Beethoven, Für Elise, ein bisschen langsam zwar und so, als stünde der Flügel in einem alten Ölfass. Aber immerhin, es ist Beethoven und wird sich später als gut gewählte Musik für einen deutschen Abend herausstellen. In der Halle gedämpftes Bernsteinlicht, nur die Bahn, die Planche, ist edel ausgeleuchtet wie eine Museums-Vitrine für Fabergé-Eier. Nur, dass die Eier hier zwei Beine haben, einen weißen Anzug tragen und verdammt schnell sind.

Wenn das Licht nach den Kampfpausen runtergedimmt wird, verwandelt sich der vornehme Salon plötzlich in etwas, das auch nicht viel anders ist als die Südtribüne im Dortmunder Westfalenstadion. Dann wird in der gestopft vollen Halle geschrien, gepfiffen, gejohlt, gebuht – jedenfalls, wenn Chinesen auf der Bahn stehen. Und das ist an diesem Abend zweimal der Fall. Der Brüllbereitschaft des chinesischen Publikums tut es keinen Abbruch, dass ihre Landsleute ausnahmsweise mal nur um Bronze kämpfen und ihr gewaltiges Goldhäufchen nicht vergrößern können, zumindest nicht hier, beim Fechten, das man in China ohnehin erst seit anderthalb Jahrzehnten ernsthaft betreibt.

Aber in Wahrheit ist dies der Abend der Deutschen. Zwar kommt es nicht zum teaminternen Finale im Damen-Degen, von dem Imke Duplitzer vor Beginn des Wettkampfs noch gesprochen hatte: "Wenn es so kommt, fährt keiner mit hängendem Gesicht nach Hause." Das wäre schon ein besonderes Match gewesen: Duplitzer, die schärfste China- und IOC-Kritikerin unter den Athleten, gegen Britta Heidemann, die China-Freundin und noch kurz vor den Spielen diplomierte Studentin der chinesischen Regionalwissenschaften. Aber Duplitzer hat verloren im Viertelfinale, jetzt sitzt sie nur noch im Publikum, übermorgen spätestens will sie zu Hause sein. So steht Britta Heidemann alleine im Finale, gegen die Rumänin Ana Maria Branza, das wird ihr auch recht sein.

Auch das andere rein deutsche Finale, das im Herren-Florett, ist geplatzt. Peter Joppich, der amtierende Weltmeister, ist ebenfalls im Viertelfinale ausgeschieden, aber nach der Devise "einer kommt durch" hat es an seiner statt eben Benjamin Kleibrink geschafft, Vizeweltmeister mit der Mannschaft und zuletzt Gewinner des Weltcupturniers in Venedig. Er kämpft gegen den Japaner Yuki Ota, der seinen Mannschaftskameraden Joppich besiegte. Rache ist Blutwurst, da wird es Kleibrink auch egal sein, dass sich die Halle nach den viel bebuhten Niederlagen der Chinesen halb geleert hat. Dafür hört man jetzt die "Auf geht’s Benni"-Rufe besser, "den packt’s Du!"

Verkabelt wie Astronauten beim Raumspaziergang tänzeln die Kontrahenten umeinander, aber ohne die komplizierte Elektronik würde man die Treffer mit bloßem Auge kaum erkennen, viel zu schnell geht alles. Unsereiner guckt immer nur auf die Lampen, am Helm, an der Bahn, an der Anzeigetafel. Der Kampfrichter im blauen Sacko schaut aber offenbar genau hin und sagt über sein Headset-Mikrofon, was Sache ist – auf Französisch natürlich.

Verhalten beginnt das Gefecht, nach einer Minute sind erst zwei Treffer gesetzt, einer hüben, einer drüben, am Ende des ersten Durchgangs von drei Minuten sind es auch erst vier. Kleibrink liefert sich heftige Infights mit dem Asienmeister, fast wie beim Boxen, oft ohne klare Treffer. Aber langsam zieht der linkshändige Deutsche davon, 6:2, 10:4, 15:9, Gold! Er flitzt in die Ränge, umarmt die Freunde, Mannschaftskollegen, jeden, den er zu fassen bekommt.