Der Gruftknecht sagt: "Dein T-Shirt ist nicht gut. Es ist grün, es sind Bären drauf." Seine Augen sind zum Fürchten, weiße Kontaktlinsen, Pupillen wie Punkte. "Na ja", sagt er, "aber du bist ja keiner von uns." Wir sitzen auf einer Bank, trinken Bier und starren zur Bühne. Laut dröhnt die Band Tanzwut aus den Boxentürmen.

Lärm gehört nach Hildesheim-Drispenstedt, am Himmel wie am Boden. Das ganze Jahr donnern Bundeswehrpiloten über den kleinen Flughafen, bis die nahen Doppelhaushälften zittern. Nur an einem Augustwochenende fliegen sie nicht: Dann kommt schwarz gekleidetes Volk zum Tanz, zum M’era Luna, einem der größten Gothic-Festivals Europas.

Der Gruftknecht ist zum siebten Mal dabei. Sonst, wenn er in einer hessischen Kleinstadt-Bank arbeitet, heißt er Thorsten, trägt Nadelstreifen und die Haare brav gescheitelt. Jetzt baumeln Metallringe an seiner geschnürten Lederhose, eine Gasmaske bedeckt Mund und Nase, auf seinem blanken Oberkörper steht: Keine Götter. Zwei Stunden hat er gebraucht, um sich anzuziehen. Der Gruftknecht sagt: "Das ist mein wirkliches Leben."

Hier trifft sich die Schwarze Szene, die Grufties, wie sie damals noch genannt wurden, als Popper noch Popper hießen. Jedes Jahr sind’s 20.000. Der Gruftknecht sagt: "Die Szene ist unüberschaubar." Mädchen tragen gerüschte Reifröcke, Schleier und kalkweiße Schminke, der morbide Glanz viktorianischer Tage.

Einige Meter weiter steht eine Gruppe gestählter Männer, in Tarnhose, auf dem Kopf die kurzgeschorene Bürste. "Muscle and Hate" heißt es auf einem Unterhemd. Der Gruftknecht sagt: "Die hören EBM, Electronic Body Music." Das sei Tanzmusik mit martialischen Beats und parolenhaften Texten. Der Gruftknecht sagt: "Es sind aber keine Nazis. Mit Politik haben die nichts zu tun."

Man findet sich schön hier. "Schöne Musik für schöne Menschen" trägt jemand auf seinem T-Shirt. "Es ist toll, so viele schöne Menschen zu sehen!", ruft auch der Sänger der Frankfurter Band ASP. Sie spielt Stumpfrock mit dunkler Stimme. Neue Deutsche Härte nennt sie das. Flammen züngeln über die Bühne. "Ja, ich bin dein Meister", singen ein paar Tausend davor und klatschen wie Gemeinschaftskundelehrer beim Genesis-Konzert, Hände über dem Kopf, im Takt. Dazu tanzen Frauen auf 20 Zentimeter hohen Plateausohlen und fallen nicht um. Der Gruftknecht sagt: "Das Kostüm gehört eben dazu."

Wer noch keins hat, kann es an Ständen kaufen: Netzstrümpfe, Netzhemden, Tarnhosen, Springerstiefel, Rüschenblusen, Ketten, Totenköpfe, schwarz, schwarz, schwarz, schwarz. Ein Schild lockt: "Korsetts, 45 Euro, Festivalangebot!" Daneben surrt eine Tätowiermaschine. Von einem Ständer blickt ein Rinderschädel aus hohlen Augen. Der Gruftknecht sagt: "Kann man sich gut an die Wand hängen." Dann lacht er und klopft mir auf die Schulter.