Nach dem fünftägigen Krieg zwischen Russland und Georgien um die Provinz Südossetien ist die Lage der Menschen in der Region weiterhin unklar. Die georgische Regierung spricht mittlerweile von 165 Kriegstoten im eigenen Land, zählt aber die Gefallenen in Südossetien nicht hinzu. Russland hatte zu Wochenbeginn von 2000 Toten allein in Südossetien berichtet.

Unabhängige Informationen sind weiter schwer zu bekommen. Peter Nicolas, Leiter des UN-Hochkommisariats für Flüchtlinge (UNHCR) in Georgien, zeichnet im Gespräch mit ZEIT ONLINE ein dramatisches Bild der Lage. "In Gori ist die Lage verheerend. Man kann von einer Geisterstadt sprechen", sagte Nicolas. "In Tiflis befindet sich eine große Menge vertriebener Menschen aus Gori und aus den Gebieten entlang der Grenze zwischen Südossetien und Georgien."

Nach Schätzungen des UNHCR sind derzeit rund 100.000 Menschen auf der Flucht. "Wir gehen davon aus, dass 15.000 Menschen von Ossetien nach Georgien geflüchtet sind, hauptsächlich nach Tiflis", sagte Nicolas. Sicher sei außerdem, dass die gesamte Zivilbevölkerung im oberen Kodori-Tal ihre Wohnungen und Häuser verlassen habe.

Dem UN-Mitarbeiter zufolge campieren rund 1500 Menschen auf der Straße zwischen Mestia und Zugdidi. "Es fehlt an allem", sagte Nicolas. "Derzeit versuchen wir die Menschen gemeinsam mit der georgischen Regierung unterzubringen". Mitarbeiter des World Food Programms (WFP) versorgten die Menschen mit Nahrungsmitteln.

Ein UN-Mitarbeiter berichtete, dass die Stadt Zchinwali zu rund 80 Prozent zerstört sei. Die Kampfe seien besonders heftig geführt worden, es habe viele Verluste auf beiden Seiten gegeben, hieß es. Mittlerweile hätten die meisten Bewohner die Stadt verlassen. Der UN-Mitarbeiter soll berichtet haben, dass lediglich 20 bis 30 Prozent der Bevölkerung in Zchwinali geblieben sind.

Den nun ausgehandelten Waffenstillstand zwischen Georgien und Russland schätzen deutsche Stiftungsmitarbeiter als "fragil" ein. "Die Lage ist weiter sehr angespannt", sagte Matthias Jobelius, Regionalkoordinator der Friedrich-Ebert-Stiftung im südlichen Kaukasus im Telefoninterview mit ZEIT ONLINE. Jobelius wurde mit anderen Deutschen am Sonntag aus Tiflis evakuiert und hält sich nun in der armenischen Hauptstadt Jeriwan auf.

Zurzeit erlebe man eine "wahnsinnig propagandastische Berichterstattung", sagte Jobelius. "Es ist schwer für uns, die Informationen zu verifizieren." So berichte das georgische Fernsehen laufend von Übergriffen der russischen Armee auf die Zivilbevölkerung, ohne dass es hierfür Belege gebe. Der Konflikt eine die Georgier: "Das Nationalgefühl ist derzeit ausschlaggebend", sagte Jobelius. Es sei nun wichtig, dass beide Seiten besonnen agierten.