Seit über einem Jahrzehnt spielt Timo Boll professionell Tischtennis, aber das ist ihm noch nie passiert: dass man ihm den Schläger abnimmt. Zehn Minuten vor Beginn seines ersten Olympiamatches gegen den Kroaten Zoran Primorac wird er zur Schlägerkontrolle ausgelost – und sieht sein Spielgerät nicht mehr wieder. Zu dick sei der Belag, sagen die Kampfrichter, 4,1 Millimeter haben sie mit ihrer Lupe gemessen, erlaubt sind nur 4,0.

"Ich spiele immer mit dem gleichen Belag", sagt Boll später, immer noch leicht konsterniert, "den kannste in jedem Fachgeschäft kaufen, da ist gar nichts dran verändert." Aber auch der Sportdirektor des Deutschen Tischtennisbundes kann durch die Lupe nichts anderes sehen als 4,1; also muss Boll mit seinem Ersatzschläger spielen. Den hat er zuvor noch nie benutzt.

Immerhin, ordnungsgemäß präpariert hat er ihn. Am Vorabend jedes Spiels wird, um den optimalen Katapulteffekt zu haben, ein neuer Belag aufgeklebt, von Hand zugeschnitten, weshalb die Schläger der Profis aussehen wie Bastelarbeiten aus dem Hobbykeller. Das Kleben ist ein Ritual, das die Nerven beruhigt und die innige Verbindung zum Spielgerät festigt, ein hochsensibles Feld also.

Boll fühlt jedes Gramm, das der Schläger zu viel oder zu wenig wiegt. Exakt 89 Gramm sind es auf der Vorhandseite, auf der Rückhand 4 Gramm weniger, dazu kommen 90 Gramm fürs Holz. Nur dem Holz bleibt er über den Tag hinaus treu, "ein Wechsel ist wie Umsteigen von Ferrari auf Toyota". Boll wechselt sein Holz immer nach den Olympischen Spielen; manche Kollegen spielen eine ganze Karriere lang, bis der Griff zu großen Teilen nur noch aus Schweiß besteht.

Entsprechend geschockt ist Boll, der Weltranglistensechste, als er im Beijing University Gymnasium ohne seinen jahrelangen Begleiter an den blauen Tisch mit dem futuristisch gewölbten Stahlfuß tritt. Auch ohne die Störung der Routine ist das erste Match im Mannschaftswettbewerb eine echte Herausforderung; immerhin erlebt hier das Finale der letzten Europameisterschaft eine Neuauflage. Um 14.31 Uhr macht Timo Boll seinen ersten Punkt in diesem Turnier, in dem die deutsche Mannschaft als Nummer 2 gesetzt ist, gleich hinter den scheinbar Unbesiegbaren aus China.

Die Halle tobt, aber nicht, weil die chinesischen Zuschauer den Deutschen so mögen, der hier mal ein paar Monate in der Profiliga gespielt hat und ein echter Star ist. Ihr Jubel geht einen Tisch weiter, wo die Heimmannschaft um die Weltranglistenführenden Wang Hao und Ma Lin versucht, mit Griechenland kurzen Prozess zu machen.