Vor etwa fünf Jahren hat es in Deutschland einen Wendepunkt gegeben. Bis 2003 wurde belächelt, wer sich coachen ließ. Er war stigmatisiert als Verlierer, Schwächling, Kranker. Wer zum Coach ging, tat es im Geheimen.

Seit 2003 gilt Coaching als Zeichen höchster Wertschätzung. Wenn ein Arbeitnehmer von seinem Arbeitgeber einen Coach zur Seite gestellt bekommt, ist das ein Signal: Wir schauen auf Dich! In Dich wollen wir investieren! Mittlerweile hat vermutlich jede Führungsperson ihren ständigen Coach, in Großkonzernen werden ganze Abteilungen regelmäßig durchgecoacht, und selbst Kindergärtnerinnen lassen sich vom Coach durch den Arbeitsalltag führen.

Coaching ist selbst ein Markt geworden, so diversifiziert wie die Nachfrage nach ihm. Es gibt Coachs für Fitness, Ernährung, Partnerschaft, Dating, Benimm, Sex, Zeit, Hunde, Euro, Kreativität, Kommunikation, Image, Stil, für Vorstände, Führungskräfte, Freiberufler, für Teams und Einzelpersonen, für Jedefrau, Jedermann, das allgemeine ICH.

Der Coach rät nicht, er fragt; er reagiert und holt mit Empathie und Intuition hervor, was verschütt gegangen zu sein scheint. Ziel eines gelingenden Coachings ist immer die Frage an den Coachee: Was willst DU? Vier, sechs, acht Stunden lang geht es in Variationen nur um diese eine, vergleichsweise simple Frage. Die Antwort ist nicht minder schlicht, hat aber Konsequenzen für das ganze Leben. Wann hat der aus sozialen Klammerungen gelöste Einzelne heute noch derart viel verdichtete Aufmerksamkeit allein für sich?

Anfang 2006 erhält der Markt-, Konsum- und Mediendexperte Gerd Zeitz ein unmoralisches Angebot. Sein Arbeitgeber bietet ihm eine schöne Summe Geld und will im Gegenzug nichts anderes, als dass Zeitz sich selbst freisetzt. Bis Ende 2007 soll er im Zuge einer Umstrukturierung das Unternehmen verlassen, in dem er 19 Jahre, zuletzt an leitender Position in der PR-Abteilung, gearbeitet hat. Um sich zu betäuben, kniet er sich in Arbeit. Der Kniefall reicht nicht. Mitte des Jahres 2006 merkt Zeitz, dass er mit der Situation nicht mehr klarkommt. Dass ein anderer über ihn verfügt, trifft ihn ins Mark. Er hört seine Kinder künftig sagen: "Unser Papa ist ja jetzt immer daheim", und seine Frau: "Fahr doch mal zum Getränkemarkt, wenn du sonst schon nichts zu tun hast..."

Der Job - er liebt ihn. Das Unternehmen - Zeitz fühlt sich rundum wohl. Die Kollegen - sie mögen ihn, er mag sie. Mit seiner Frau kann er über die anstehende Entlassung nicht sprechen. Er will sich und ihr nicht eingestehen, nicht mehr gebraucht zu werden. Er will keine Schwäche zeigen. Er leidet unter Herzklopfen und Schweißausbrüchen. Statt zu schlafen, stellt er sich Nacht für Nacht dieselbe Frage: "Was machst du in Zukunft mit dir und deiner Energie?" Seine direkte Vorgesetzte versteht ihn, schlägt ein Coaching vor, auf Abteilungskosten. Ein Kollege aus der Personlabteilung sieht in der Kartei der externen Firmen-Coachs nach.