ZEIT ONLINE: Sie sagen in Ihrem Buch, den aufregendsten Teil unserer Entwicklung hätten wir schon hinter uns, wenn wir auf die Welt kommen. Können Sie erklären, was Babys im Bauch der Mutter schon erleben?

Gerald Hüther: Der Schatz an eigenen Erfahrungen, den jedes Baby mit auf die Welt bringt, ist weitaus größer als bisher angenommen. Nicht nur die Nervenzellverschaltungen, die die lebenswichtigen Körperfunktionen steuern, sind weitgehend ausgereift. Auch die emotionalen Zentren, im limbischen System, sind schon gut entwickelt. Das heißt, Gefühle wie Angst oder Wohlbefinden kennt das Baby schon. Es hat bereits vor der Geburt gelernt zu strampeln, sich zu drehen und zu wenden und an seinem Daumen zu lutschen. Das Baby kennt also seinen Körper bereits recht gut. Und es hat schon eine ganze Reihe Erfahrungen über die Welt "da draußen" gemacht und in seinem Gehirn verankert: Es kennt die Stimme der Mutter und des Vaters, ihre Lieblingslieder und Lieblingsmusik und weiß, wie die Mutter riecht (weil die Duftstoffe und Aromen auch im Fruchtwasser enthalten waren). Es mag das Schaukeln ebenso wie den Rhythmus des Herzschlags, der ihm bestens vertraut ist. Die höheren, sehr langsam ausreifenden vorderen Bereiche der Hirnrinde, des Frontalhirns sind noch nicht "verkabelt". Deshalb "weiß" das Baby noch nicht, was es schon alles weiß.

ZEIT ONLINE:Heißt das umgekehrt, dass wir selbst bestimmen können, wie gelungen unser Kind wird?

Hüther:Es heißt, dass sich das Gehirn anhand der Signalmuster strukturiert, die aus dem eigenen Körper, aus dem der Mutter und aus deren Lebenswelt dort ankommen. Ein ungeborenes Kind, das besonders große Hände mit groben Fingern ausgebildet hat, dessen Gehirn spezialisiert sich anders als das eines Kindes, das kleine, schlanke Finger hat. Auch wenn das Kind schlecht versorgt oder mit Giftstoffen überflutet wird, weil die Mutter beispielsweise raucht oder Alkohol trinkt, entwickelt sich das Gehirn anders als das normalerweise der Fall wäre.

ZEIT ONLINE:Was bedeutet das für die psychische Entwicklung des Kindes? Was kann schiefgehen?

Hüther:Von der Natur wird normalerweise dafür gesorgt, dass die Bindung zwischen Mutter und Kind klappt. Das Baby fühlt sich nach der Geburt dort am geborgensten, wo es so riecht, so klingt, sich so anfühlt wie dort, wo es herkommt. "Bindungshormone" aktivieren das Bindungssystem im Hirn. Und durch Kindchen-Schema, Hilfsbedürftigkeit, Weinen und Lächeln aktiviert das Baby die Fürsorge der Erwachsenen.

Ein Ungeborenes kann aber auch Erfahrungen im Mutterleib machen, die es später zum Beispiel anfällig für Angst machen. Wenn die Mutter Angst vor dem Vater hat, spürt der Fötus das. Ihre Bauchdecke zieht sich während des Streits zusammen, Stresshormone werden ausgeschüttet, das Herz rast. Dabei wird das Kind zusammengedrückt, hört es die schnellen Herztöne und die laute Stimme des brüllenden Vaters. Der Fötus erstarrt. Und diese Erfahrung wird im Gehirn abgespeichert. Dabei findet eine Kopplung statt zwischen dem Zusammengedrücktwerden und der lauten Stimme des brüllenden Vaters. Nach der Geburt verfällt das Kind in eine ähnliche Erstarrung, wenn die Stimme des Vaters eine ähnliche Färbung annimmt.

ZEIT ONLINE:Und wie sieht es aus mit Begabungen? Ist es sinnvoll, dem Baby im Bauch Mozart vorzuspielen, damit es ein Talent für Musik entwickelt? Oder Chinesisch zu sprechen, damit es sprachbegabt wird?