Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt und Nebel gelten vermutlich auch im Norden Kanadas nicht als ideales Wetter für eine Schnorchelpartie. Viele Worte werden trotzdem nicht darum gemacht, jedenfalls nicht von Dennis, der das Schlauchboot mit uns vier Wagemutigen über den Churchill River lenkt. Das Wasser ist mit fünf Grad nur geringfügig wärmer. Am Horizont treiben kleine Eisberge, die Küste ist ab Ende Juni immerhin eisfrei.

Doch Bangemachen gilt nicht. Wir sind hier, um mit Belugawalen zu schwimmen. Wie Froschmänner im James-Bond-Film sitzen wir auf dem wulstigen Rand des Boots und klammern uns fest. Für unseren Ausflug ins arktische Gewässer haben wir uns in hautenge schwarze Neoprenanzüge gezwängt, wild entschlossen, der Kälte zu trotzen. Auf dem Weg zur Anlegestelle wurde noch gescherzt und gelacht, jetzt ist der Ausdruck auf unseren Gesichtern eher angespannt.

Bootsführer Dennis hält im Stehen Ausschau. Die Belugas sind schon da, neben, vor und hinter uns gleiten die bis zu vier Meter langen Leiber durch das dunkle Nass. An die 3000 Tiere ziehen im Juli und August aus der Hudson Bay den Churchill River hinauf. Sie folgen den Fischen und bringen im wärmeren Wasser ihre Jungen zur Welt. Ab und an stoßen die leuchtend weißen Köpfe und Rücken durch die Wasseroberfläche, ein kurzes Prusten ist zu hören.

Dann scheint der ideale Platz gefunden, Dennis drosselt den Motor. Langsam, mit den Füßen voran, gleiten wir ins Wasser. Der Moment, in dem das Wasser an der Halsöffnung des Taucheranzugs eindringt und sich langsam seinen Weg den Rücken hinunter sucht, sorgt für spitze Schreie. Unsere Augen weiten sich und wir schnappen nach Luft. "Alles ganz normal", sagt Dennis – ausgestattet mit Anorak, Mütze und Schal – ungerührt vom Boot her.

Das überzeugt. Wir setzen unsere Taucherbrillen auf, legen uns flach auf das Wasser. Bloß nicht rühren! Jede Bewegung lässt von neuem kaltes Wasser in die Anzugsöffnungen an Armen, Hals und am Gesicht fließen und sorgt so für kurze Kälteschocks.

Flaschengrün ist das Wasser und durch Schwebeteilchen getrübt. Der Grund liegt ungefähr vier Meter unter uns. Kleine Quallen treiben vorbei. Dennis wirft uns ein Seil zu und zieht uns langsam durch die schwache Strömung. Plötzlich sind seltsame Töne zu hören: "Hü-dei-ah! Hü-dei-ah!", trompetet das Gummiwesen neben mir aufgeregt durch sein Atemrohr. Erst nach einer Weile verstehe ich: Here they are , hier sind sie, soll das wohl heißen.

Und tatsächlich, zwei Belugas, Mutter und Kalb, wollen wissen, wer sie da in ihrer Welt besucht. Eigenartig plump sehen sie aus mit der riesigen Wölbung auf der Stirn, der sogenannten Melone, die ihnen zur Echolotung dient, dem wulstigen Nacken und der fehlenden Rückenflosse. Aber es braucht nur einen Schlag mit der Fluke, und schon sind sie wieder weg. Die kurze Begegnung beschleunigt die wegen der Kälte reduzierte Pulsfrequenz merklich.