Nach seinem Sieg über Georgien wird Moskau seine geopolitische Strategie erst recht und mit langem Atem fortführen. Kernziel der russischen Strategie ist, im von Moskau sogenannten "nahen Ausland", die post-sowjetische Ordnung zu revidieren. Europa wird sich darauf illusionslos einstellen müssen. Dabei sei allerdings vor einer hysterischen Überreaktion gewarnt.

Russland hat seine innere Schwäche nicht wirklich überwunden, seine Stärke ist mit jener der ehemaligen Sowjetunion nicht vergleichbar, seine zahlreichen Minderheitenprobleme sind ungelöst; insofern könnte sich Russlands Infragestellung der territorialen Integrität Georgiens eines nicht allzu fernen Tages noch als großer Fehler erweisen.

Demografisch ist das Land in einem dramatischen Abstieg begriffen, wirtschaftlich - trotz der hohen Einnahmen aus dem Öl- und Gassektor - von einer erfolgreichen Modernisierung weit entfernt. Sein politisches System und Rechtssystem sind autoritär, seine Infrastruktur rückständig. Sozial häuft das Land enormen Sprengstoff an. Jenseits von Rohstoffexporten hat das Land der globalen Wirtschaft nicht sehr viel zu bieten. Die interne russische Krise ist also mitnichten vorüber.

Die entscheidenden strategischen Bedrohungen für Russland liegen auch weder im Westen noch in der Nato. Sie liegen im islamischen Süden und der aufstrebenden Supermacht China.  

Die These von einem neuen Kalten Krieg ist also irreführend. Russland wird dazu die Kraft nicht haben. Der Kalte Krieg war ein Verfolgungsrennen zweier ähnlich starker Rivalen, bei dem der Schwächere am Ende aufgeben musste. Das heutige Russland hingegen wird als erneuerte Großmacht bis auf Weiteres versuchen, im Windschatten anderer Großmächte zu fahren, solange dies seinen Möglichkeiten und Interessen entspricht, und sich auf seine unmittelbare Einflusszone und seine Rolle als globale Energiemacht konzentrieren.

Russland wird seine Möglichkeiten nutzen, die amerikanische Macht zu begrenzen. Es wird aber die USA und perspektivisch auch China nicht wirklich herausfordern können, wie es die Sowjetunion einst konnte.

Seine vitalen Interessen –  vor allem in der als "nahes Ausland" bezeichneten russischen Einflusszone – wird Moskau erneut mit militärischer Macht durchzusetzen versuchen, und es ist diese Großmachtpolitik, in der Macht vor Recht geht, die Europa niemals akzeptieren darf. Genau hier nämlich liegt der Wendepunkt, an dem Russlands erneute Konfrontation mit dem Westen beginnt: Das neue Europa ist auf dem Grundsatz unverletzlicher Grenzen gegründet. Diesen Grundsatz zugunsten imperialer Einflusszonen aufzugeben, liefe daher auf schlichte Selbstaufgabe hinaus.