Es war zunächst nur ein Verdacht, und so richtig mit der Sprache herausrücken wollte Wilhelm Bloch deshalb nicht. Doch jetzt, da die Rekordwelle in Peking nicht abreißen will, hat der Sportmediziner von der Deutschen Sporthochschule in Köln ausgepackt: Ein experimentelles Herzmedikament könne für die enormen Leistungssprünge im Schwimmen verantwortlich sein, sagte Bloch im ZDF. Das Mittel hatte sich im Test an Mäusen kürzlich als potenter Leistungssteigerer für müde Muskeln erwiesen. Bloch hält es für denkbar, dass die nicht nachweisbare Substanz bereits im Einsatz ist.

Ein Verdacht, der kaum besseren Nährboden finden könnte. Nach sechs Wettkampftagen und 24 Entscheidungen sind im olympischen Schwimmwettkampf bereits 21 Weltrekorde gefallen. Allein sechs gehen auf die Kappe von Michael Phelps. Andere Sportler schwammen schon in Vorläufen neue Fabelzeiten, alte Bestmarken wurden teils um mehrere Sekunden getoppt. Nicht einmal während der Dopingspiele von Athen hatte es solche Leistungsschübe gegeben. Damals fielen während des Schwimmwettbewerbs nur acht Weltrekorde. Ein Narr also, der da noch an hartes Training und überragende Technik glaubt?

In der Tat fällt auf, dass den Schwimmern auf den letzten Bahnen immer seltener die Puste ausgeht. Selbst starke, gut mit Sauerstoff versorgte Muskeln ermüden in solchen Rennen, es ist eines der ungelösten Probleme im Leistungssport. Als Bloch im Mai einen Fachartikel über das besagte Medikament für seine Studenten heraussuchte, fiel es ihm wie Schuppen von den Augen: "Plötzlich wusste ich: Das ist eine Substanz, die für die Steigerung der Muskelausdauer geeignet ist".

Es passt zu gut zusammen. Die übermenschlichen Leistungen von Schwimmern wie Phelps, die Weltrekorde, das neue Medikament. Und Bloch ist nicht der Einzige, der an den Einsatz experimenteller Substanzen im Leistungssport glaubt. Erst kürzlich hatten Wissenschaftler in Cell zwei ähnliche Mittel beschrieben und vor dem möglichen Missbrauch gewarnt. Interessant sind die neuen Wirkstoffe, weil sie nicht die Masse eines Muskels vergrößern, sondern derart an molekularen Schaltern drehen, dass die Fasern einfach nicht müde werden.

Doch ist es wirklich so einfach: Ein neues Mittelchen, und ab geht die Post? Joachim Mester, Trainingswissenschaftler an der Kölner Sporthochschule, sieht das differenzierter und warnt eindringlich davor, sich jetzt allein aufs Doping zu stürzen. "Rein sachlich gibt es eine Batterie von Gründen für diesen Leistungsschub", sagt der Forscher. Die Gefahr von Doping dürfe auf keinen Fall verharmlost werden, aber ohne ausgesprochenes Talent seien Leistungen wie in Peking nicht möglich. "Nehmen Sie sich einen mäßigen Schwimmer und pumpen Sie ihn mit Dopingmitteln voll. Oder stecken Sie ihn in einen dieser neuen Anzüge. Da passiert nicht viel", sagt Mester, der an seinem Institut selbst mit Schwimmern arbeitet.