Der legendäre Machtrausch Gerhard Schröders vom Wahlabend 2005 ist unvergessen. Doch so plötzlich der Rausch gekommen war, verschwand er auch wieder. Bei der hessischen SPD-Frontfrau Andrea Ypsilanti scheint er indes einem Delirium gewichen. Allen Interventionen zum Trotz glaubt sie noch immer an ihre Mission.

So zwingt sie ihre Landespartei – und mit ihr zwangsläufig die gesamte SPD – in einen aussichtslosen Kampf. Dabei hat die Hessin nur ein Ziel vor Augen: das rot-grün-rote Projekt in Hessen zu verwirklichen. Die Gefahr des Scheiterns nimmt sie in Kauf. Schließlich geht es – so ihre immer gleichförmige Beteuerung – nicht um sie, sondern um einen Politikwechsel: um sozial gerechte, linke Politik, um einen radikalen Kurswechsel in der Bildungs- und Klimapolitik – eben um das linke Projekt.

Damit kann sie aber nur scheitern. Denn einen politischen Tabubruch mit einer aufgeladenen Botschaft zu verknüpfen, ist schlichtweg falsch. Natürlich ist Hessen zum Experimentierfeld der Bundespolitik geworden und in der Tat braucht die SPD nicht nur in den Ländern neue Koalitionsoptionen. Doch die dürfen nicht moralisch, sondern müssen machttaktisch begründbar sein – im hessischen Fall nach dem Motto: Es gibt keinen anderen Weg, Roland Koch aus der Wiesbadener Staatskanzlei zu vertreiben.

Nach diesem Gusto hat einst Ministerpräsident Börner in Hessen die Grünen ins Boot geholt. So haben die Ministerpräsidenten Höppner in Sachsen-Anhalt, Ringstorff in Mecklenburg-Vorpommern und Wowereit in Berlin die Grenzen althergebrachter koalitionstaktischer Restriktionen mit Hilfe der damaligen PDS und heutigen Linkspartei erweitert. Ringstorff und Wowereit ist es überdies gelungen, die linke Utopie ein Stück weit zu entzaubern und die Wahlerfolge der Linken ins Gegenteil zu drehen.

Ein Projekt hätte das aber keiner genannt. Allein um zu verhindern, dass sich der neue Koalitionspartner über Nacht vom Schmuddelkind zum allseits akzeptierten Koalitionspartner wandelt. Aber auch, um die öffentliche Erwartungshaltung zu bremsen und nicht in den Verdacht zu geraten, es handle sich um eine Liebesheirat. Immer sollte der Eindruck bestehen bleiben, dass man dem neuen Koalitionspartner großzügig eine demokratische Bewährungschance bietet, sich die Linke mithin in einer Bringschuld befindet.

Doch Ypsilantis Liebesbotschaften nach links lassen den Herzenspartner auf Wolke sieben schweben. So hat die hessische Linke Macht in der Hand, inhaltlich wie personell, die sie in allen bisherigen Koalitionen nie hatte.

Überdies befördert der neue Versuch der hessischen Sozialdemokratie, die Macht mit Hilfe der Linkspartei zu übernehmen, die Unruhe in anderen Landesverbänden. Haben doch bisher die saarländischen ebenso wie führende ostdeutsche Genossen ausgeschlossen, einen Ministerpräsidenten der Linkspartei zu unterstützen. Ypsilantis zweiter Anlauf dürfte als Aufforderung an jene Teile der Sozialdemokratie verstanden werden, die die SPD auch als Juniorpartner in rot-rote Regierungsbeteiligungen führen möchten.