Barack Obama hat sein Versprechen an Millionen vor allem junger Anhänger nicht ganz halten können. Er wollte eigentlich als erstes seine eigene, begeisterte Basis informieren - auch um sie für die heiße Phase des Wahlkampfs weiter zu motivieren. Seine Anhänger erhielten denn auch am Samstagmorgen gegen 03.12 Uhr auf ihren Handys die SMS: "Freunde, ich habe wichtige Nachrichten, die ich offiziell machen möchte. Ich habe Joe Biden zu meinem running mate bestimmt." Doch die Wahl 20 Jahre älteren Senator Bidens als Kandidat für das Amt des US-Vizepräsidenten war von den US-Medien trotz aller Geheimniskrämerei der Demokraten schon Stunden zuvor enthüllt worden.

Im Wahlkampflager des Republikaners John McCain schien man sich die Hände zu reiben: Eine Stunde nach den "breaking news" über Bidens Nominierung wurde dieser auf der Webseite McCains in einem Video-Spot gezeigt, wie er noch Anfang des Jahres bestritt, dass der junge Obama schon in der Lage sein könnte, Präsident zu werden. "Es gibt keinen schärferen Kritiker an Barack Obamas fehlender Erfahrung als Joe Biden", meinte der Sprecher McCains, Ben Porritt. Biden habe selbst festgestellt, dass Obama für die Präsidentschaft nicht reif genug sei. Und dann kamen Fernsehbilder, in denen Biden sagt: "John McCain ist ein persönlicher Freund,... und es wäre mir eine Ehre, mit ihm oder gegen ihn anzutreten". Biden nämlich schloss noch vor sechs Monaten nicht aus, "running mate" des Republikaners zu werden.

Die Wahl Bidens bedeutet für Obama eine gewichtige strategische Entscheidung in diesem zunehmend erbitterten Wahlkampf. Der Senator aus Illinois setzt damit auf Erfahrung und das politische Establishment. Obama will den Amerikanern sichtlich ein Signal von Verlässlichkeit, Stabilität und Vertrauen schicken. Schließlich muss er fürchten, dass die Mehrheit der Amerikaner letztendlich in der Wahlkabine doch die Entscheidung für einen schwarzen Präsidenten - dazu noch recht jung und mit bewegter Vergangenheit - scheuen könnte.

Der grauhaarige, 65 Jahre alte Biden bringt jahrzehntelange Erfahrung in Washington mit, garantiert Kompetenz in Fragen der Außen- und Sicherheitspolitik. Viele hatten spekuliert, Biden wäre ein möglicher Außenminister für Obama.

Allerdings ist die Entscheidung für Biden nicht ohne Tücken: Als wirtschaftspolitisches Schwergewicht ist Biden nie aufgetreten, die Wirtschaftskrise könnte bei dieser Wahl das zentrale Thema werden. Von einem überstürzten Abzug aus dem Irak hat Biden immer energisch gewarnt.