In Spanien ist der Sommer üblicherweise die Zeit der ländlichen Fiestas . Sie dauern mehrere Tage, zum Abschluss gibt’s Feuerwerk, und wer nicht genug hat, kann im nächsten Pueblo gleich weitermachen. Wenn Triumphe wie die des jungen Tenniskanoniers Rafael Nadal dazukommen, der obendrein gerade zur Nummer eins der Weltrangliste wurde, dann taumelt das Land noch ein bisschen mehr vor Begeisterung. Besonders in Mallorca, wo "Bum-Bum-Rafa" zu Hause ist.

Seit der Tragödie auf dem Madrider Flughafen vom Mittwoch dieser Woche sind Superjubel und Dauerfeiern aber vorerst vorbei. Die Flugzeugkatastrophe der Fluggesellschaft Spanair, die in Palma de Mallorca zu Hause ist, hat das Land schockiert. Die Regierung hat eine dreitägige Staatstrauer ausgerufen, Spanien trägt Trauer. In Peking ließen sich die Sportler das auch von den Bürokraten des IOC nicht verbieten, die aus Prinzip jeden Zusatz zur offiziellen Sportkleidung untersagen, auch Trauerflore. Die Spanier trauten ihren Ohren nicht, als sie von dem Verbot hörten. Und traten zu ihren Wettbewerben alle mit schwarzer Armbinde oder Schleife am Trikotträger an. Trauerflore trugen auch die spanischen und dänischen Kicker beim Freundschaftsspiel in Kopenhagen. Zunächst hatten die Spanier vorgeschlagen, das Spiel abzusagen. Auf Bitten der Dänen beschränkten sie sich dann aber auf eine gemeinsame Minute zum Gedenken an die Opfer des Unglücks vor Beginn des Spiels.

Ohne Ironie oder sonstige Hintergedanken kann man sagen: Spanien hat einen besonderen Umgang mit kollektiver Trauer. Die Menschen zeigen bei gegebenem Anlass offen ihre aufgewühlten Gefühle, und sie haben ein Gespür für die Notwendigkeit der Rituale von Leid und Mitgefühl. Wie das Land vor gut vier Jahren, im März 2004, mit den Attentaten von Madrid umgegangen ist, war beeindruckend.

Natürlich machten die öffentlichen Kundgebungen und der Trauergottesdienst nichts ungeschehen von dem Horror des Massakers vom 11. März. Aber die einfühlsame Art der Zuwendung und Anteilnahme, mit der die Mitglieder der Königsfamilie sich damals in der Kirche mit jedem einzelnen der in der Kathedrale anwesenden Hinterbliebenen beschäftigten, war anrührend und in seiner Symbolik gewiss auch ein Beitrag zur Minderung der Spannung in jener aufwühlenden Phase der jüngsten spanischen Geschichte.

Immer wieder reagieren die Spanier auch öffentlich, sobald die baskische Terrororganisation Eta Mordanschläge gegen Repräsentanten des spanischen Zentralstaats oder baskische Kritiker ihrer verbrecherischen, pseudopolitischen Separatismuskampagne verübt. Meist kommt es zu Großkundgebungen, auf denen prominente Redner die Morde mit Empörung und Trauer verurteilen und ein Ende der Gewalt fordern ( Basta ya! – Genug!).

Das ist ein Ritual, es beeindruckt die Mörder nicht, es verhindert nicht, dass die Täter die nächste Tat planen. Aber es dient der Gemeinsamkeit, dem Gefühl von Gemeinschaft in der Auseinandersetzung, es vergewissert die Teilnehmer der Solidarität aller, selbst wenn das – vor allem im Baskenland – im individuellen Erstfall nichts helfen würde und deshalb viel Mut dazugehört, an solchen Kundgebungen teilzunehmen, vor allem dann, wenn man danach zurück muss ins Heimatdorf, wo die Eta noch jede Menge Helfer und Informanten hat.