ZEIT ONLINE: Also ...

Al-Wazir: Wir brauchen in Hessen nach neun Jahren CDU einen Politikwechsel. Wir wollen mit der Energiewende ernst machen. Wir brauchen eine andere Bildungspolitik. Wir haben in Hessen ein Problem gesellschaftlicher Teilhabe. Bei allem wirtschaftlichen Reichtum, den es in dem Land gibt und weiter geben soll, sehen wir auch zunehmend Gruppen, die davon abgekoppelt sind.

ZEIT ONLINE: Da werden sie sich ja schnell einig werden.

Al-Wazir: Diesen Optimismus teile ich nicht. Bei großen Infrastrukturprojekten, wie dem Straßenbau oder dem Ausbau des Frankfurter und Kasseler Flughafens steht die SPD der Union näher als uns. In der Bildungspolitik darf auf die Zwangsbeglückung der CDU jetzt nicht die Zwangsbeglückung durch die SPD folgen.

ZEIT ONLINE: Sind das Ihre beiden Knackpunkte?

Al-Wazir: Es wird bei den Verhandlungen inhaltlich auf jeden Fall hart zu Sache gehen. Ich würde aber vor allem gerne mal anfangen, mich inhaltlich zu streiten. Die Aufnahme von Koalitionsverhandlungen ist ja bisher an der SPD gescheitert.

ZEIT ONLINE: Die Mehrheitsverhältnisse im Landtag sind ja denkbar knapp. Wenn Sie sich inhaltlich einigen, wird es dann keinen grünen Abweichler geben?

Al-Wazir: Wenn die Inhalte stimmen, die SPD geschlossen ist und wir das Gefühl haben, das Ganze ist verantwortbar und ein grüner Parteitag zugestimmt hat, dann stehen die Grünen.

ZEIT ONLINE: Es wird ja derzeit viel über die SPD und die Linke geredet, aber wenig über die Grünen. Drohen Sie zwischen diesen beiden Parteien zerrieben zu werden?

Al-Wazir: Ich bin mir sicher, sobald über Inhalte geredet wird, richtet sich der Fokus wieder auf die Grünen. Aber wir werden natürlich sehr genau darauf achten müssen, dass unser inhaltlicher Anteil an einer solchen Regierung auch wahrgenommen wird.

ZEIT ONLINE: Gibt es außer der Parole "Koch muss weg" eine Botschaft, die von einer durch die Linken tolerierten rot-grünen Landesregierung ausgehen könnte, gibt es gar ein rot-rot-grünes Projekt?

Al-Wazir: Es gibt nur eine grüne Botschaft. Die lautet, die Grünen orientieren sich daran, welche Möglichkeit es gibt, ihre Inhalte umzusetzen. Ein Beispiel: In Hamburg heißt das Projekt Moorburg, in Hessen Staudinger. Beide Mal geht es um gigantische Kohlekraftwerke, die die Energiewende auf Jahrzehnte blockieren würden. Wir suchen Mehrheiten, um dies zu verhindern, dort mit der CDU, hier mit der SPD.

ZEIT ONLINE: Aber ein neues Projekt, wie es mal ein rot-grünes Projekt gab, ist das nicht?

Al-Wazir: Nein. Es ist falsch, da irgendetwas hineinzuinterpretieren. In Hamburg gibt es Schwarz-Grün, in Hessen vielleicht eine rot-grüne Minderheitsregierung. Das entscheidet jeder Landesverband in eigener Verantwortung.