Es scheint paradox. In der Bundespolitik gibt es viele politische Baustellen. Die Gesundheitsreform zum Beispiel oder auch der Arbeitsmarkt. Doch wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel an diesem Donnerstag ihre politische Sommertour durch zehn Bundesländer beginnt, dann widmet sie sich einem anderen Thema, der Bildung. In Frankfurt ist sie in einem Kindergarten zu Gast und in Darmstadt in der Fachhochschule, es folgen Besuche unter anderem in einer Hauptschule, in Ausbildungsbetrieben und bei der Lehrerausbildung. Umfassend will sich die Kanzlerin ein Überblick über das "Bildungsland Deutschland" verschaffen, bevor sie im Oktober gemeinsam mit den Ländern zum nationalen Bildungsgipfel bittet.

Dabei hat die Kanzlerin bei diesem Thema eigentlich gar nichts zu sagen. Bildung ist Ländersache. Seine letzten Kompetenzen, etwa bei der Finanzierung des Hochschulbaus und der Bildungsplanung, hat der Bund im Zuge der Föderalismusreform I an die Länder abgetreten. Das hat sich längst als Fehler erwiesen, lässt sich aber nicht mehr rückgängig machen. Die Bildungspolitik ist von Kiel bis München zur Spielwiese ehrgeiziger, aber provinzieller Landespolitiker verkommen. Kein Wunder, dass die Länder die Auftritte der Kanzlerin als Einmischung in ihre inneren Angelegenheiten betrachten.

Der Verdacht, dass Angela Merkel bei ihrer Sommertour vor allem an die Bundestagswahlen im kommenden Jahr denkt, liegt nah. Die Bildungsmisere bewegt die Menschen. Das hat zum Beispiel die Landtagswahl in Hessen gezeigt, wo CDU-Ministerpräsident Roland Koch auch deshalb in der Gunst der Wähler abstürzte, weil seine Bildungspolitik nicht ankam. In Bayern steht die CSU unter Druck, weil das Land die Verkürzung der Schulzeit von 13 auf 12 Jahre sehr hektisch vorbereitet und dilettantisch umgesetzt hat. Die CDU-Vorsitzende Merkel hat erkannt, dass das Thema Bildung Wahlen entscheiden kann, föderale Kompetenzstreitigkeiten interessieren die Wähler dabei wenig. Schon vor zwei Monaten hat sie deshalb nicht zufällig die alte sozialdemokratische Parole "Bildung für alle" ausgegeben und den Koalitionspartner SPD damit kalt erwischt.

Trotz allen parteitaktischen Kalküls ist es jedoch richtig, dass Angela Merkel die Bildung zur Chefsache erklärt hat. Wie beispielsweise Kleinkinder betreut werden, wie Schüler zukünftig lernen, wie die Hochschulen Forschung und Lehre verknüpfen oder Lehrer ausgebildet werden, das sind Zukunftsfragen der Industrienation Deutschland. Dass hier einiges im Argen liegt, haben nicht zuletzt die Pisa-Studien gezeigt. 80.000 Jugendliche ohne Hauptschulabschluss, die Vernachlässigung von Immigranten, hohe Abbruchquoten an den Universitäten und frustrierte Lehrer kann sich das Land nicht länger leisten. Bildungspolitische Kleinstaaterei ebenso wenig.

Aber aufgepasst, beim Thema Bildung gilt Tretminenalarm. Eifersüchtig achten die Länder auf ihre Eigenständigkeit und hinter rhetorischen Formeln wie föderaler Wettbewerb und Bildungsvielfalt verbergen sich eine Menge ideologische Untiefen und knallharte Interessen.