Ihre "nationale Pflicht" sei es, alle Titel in diesem Sport zu gewinnen, hat Chinas Nationaltrainer nach dem Sieg im Mannschaftsfinale ausdrücklich betont. Timo Boll wollte ihn an dieser Pflichtausübung hindern. Einen Chinesen schlagen – so lautete seine zentrale Aufgabe bei diesen Spielen – und dann eine Goldmedaille gewinnen.

Jetzt ist er bereits im Achtelfinale ausgeschieden, gegen einen Südkoreaner. Bei seinem 1:4 gegen Oh Sang Eun, in der Weltrangliste 9 Plätze unter ihm notiert, war Boll der klare Verlierer. Er war letztlich chancenlos. Aber was heißt das schon? Im Tischtennis, diesem Highspeedschach, wie Boll es gerne nennt, hat er seine Chancen selbst mit 50 zu 50 beziffert. In den Partien zwischen den 20, 30 Besten der Welt entscheide über Sieg und Niederlage der Kopf.

Eigentlich ist sein Kopf hier in Peking jedoch in guter Verfassung gewesen, das hat er schon beim Gewinn der Silbermedaille mit der Mannschaft bewiesen. Und noch am gleichen Tag, vor seiner Achtelfinalniederlage, hatte er in seinem ersten Spiel des Einzelwettbewerbs den Nordkoreaner Kim Hyok Bong nach anfänglichen Schwierigkeiten locker mit 4:1 besiegt. Seine Form schien so gut, dass sie ihn über eine schwierige Auslosung hinweghelfen könnte.

In der Vergangenheit hat ihm ein angeborener Beckenschiefstand immer wieder Probleme bereitet, der Rücken zwickte, deshalb war er auf die letzten Spiele in Athen nicht optimal vorbereitet. Bei seinen ersten Spielen in Sydney war er noch jung, da war ihm eine akribische körperliche Vorbereitung noch ziemlich schnuppe. Doch gerade jetzt hatte sich Boll gewandelt, wie der Sport selbst, bei dem Schnelligkeit und Athletik alles sind. Mit einem knüppelharten Konditionslehrgang auf Borkum hatte er sich auf die Spiele vorbereitet, auf die längeren, offenen Ballwechsel, die ihm so liegen. Denn der Kamikaze-Typ, der den schnellen Abschluss sucht, ist er nicht.

Doch alles Training hat nicht gereicht. Unmittelbar nach dem Spiel sagte Boll, dass ihn die Patellasehnen-Entzündung aus dem Winter, die ihn zwei Monate am Training hinderte, doch zu sehr zurückgeworfen habe. Aber auch die Spekulationen werden wieder losgehen, ob der Druck auf ihm nicht doch zu gewaltig war. Er sei der Einzige, vor dem sich die chinesischen Spieler und ihre 1,3 Milliarden Landsleute fürchteten, hatte es vor den Spielen immer wieder geheißen. Zwar haben Wang Hao & Co. davon im Mannschaftsfinale nichts erkennen lassen und Boll genauso ratzfatz abgefertigt wie alle anderen Kontrahenten bisher. Aber die Erwartungen der deutschen Fans lassen sich von so etwas eben nicht dämpfen.