Zweitausendfünfhundert Meter hoch in den kaukasischen Bergen liegt der Tunnel, den die Südosseten als ihre Überlebensader bezeichnen. Durch den Rokskij sind die russischen Kolonnen mit Panzern und Mannschaftstransportern gerollt, um die georgischen Einheiten aus Südossetien zu vertreiben. Hinter dem Tunnelausgang fällt die Straße nach Zchinwali in Serpentinen zwischen grünen Hängen ins Tal hinab.

Die Berge im Süden wirken lieblicher als im russischen Nordkaukasus, wo sich am einstmaligen Grenzkontrollpunkt in Richtung Georgien die Lastwagen mit Baucontainern, Dachpappen und Soldaten stauen. Aber das täuscht: Halb verlassene Dörfer, verfallende Holzhäuser und hie und da eine magere Kuh auf den Weiden zeugen vom harten Leben im bergigen Südossetien, wo nur Steinbrüche und Wasserkraft ein bisschen Geld einbringen.

Bis hierher sind die georgischen Truppen nicht gekommen.Im Dörfchen Dsau haben russische Einheiten rund um den Fußballplatz ihr Lager aufgeschlagen. Vom versprochenen Truppenabzug ist noch kaum etwas zu sehen. Nur 12 Panzer stehen am Straßenrand, als warteten ihre Besatzungen auf den Befehl zum Abmarsch. Nach Tagen der Ankündigungen wollte das russische Militär gestern seine Truppen bis auf 500 Mann aus dem georgischen Kerngebiet abziehen und damit endlich seine Verpflichtung aus der Friedensvereinbarung erfüllen.

Die meisten Südosseten sehen keinen Grund zur Eile. In Dsau pinselt ein Mann mit roter Farbe auf den weißen Randstein an der Straße: "Ossetien ist Russland dankbar." Gut 40 Kilometer weiter hat der Krieg seine Wunden hinterlassen.

Viele Häuser in Zchinwali zeigen die Einschlagslöcher von Panzergranaten und Artillerie. Kaum eine Fensterscheibe ist heil geblieben, und Plastikplanen ersetzen das Glas. Vor dem Bahnhofsplatz reparieren Arbeiter eine Wasserleitung, die in der Erde durch die Explosion eines darüber stehenden georgischen Panzers platt gedrückt wurde. Der abgerissene Geschützturm des Panzers flog zehn Meter weit. Ein Volltreffer hat ein Haus nahe dem zentralen Theaterplatz ausgehöhlt. Andere Straßenzeilen stehen fast unversehrt da.

Zchinwali ist durch den georgischen Beschuss schwer getroffen worden, und das russische Bombardement vor der Vertreibung der georgischen Truppen hat das Vernichtungswerk ergänzt. Aber die anfänglichen russischen Meldungen über die fast totale Zerstörung der Stadt erweisen sich als Propaganda.

Auf den Gassen ist kaum ein Mensch zu sehen. Einige Anwohner hocken wie im südländischen Idyll im Schatten und sprechen über den Krieg. Der 55-jährige Ruslan erzählt von einem Nachbarn, dem ein großer Raketensplitter den Bauch aufgerissen habe. Jeder berichtet von ein, zwei Toten aus der Nachbarschaft. Gräuelgeschichten von vergewaltigten und erschossenen Kindern, die keiner mit Ort und Namen versehen kann, machen die Runde. Manch widersprüchliche Erzählung mag dem Kriegstrauma oder der kaukasischen Leidenschaft geschuldet sein, das Gefühlte in Tatsachen zu verwandeln. Die genaue Opferzahl ist weiterhin unklar. Viele Einwohner von Zchinwali konnten in den Kellern überleben oder waren bereits vor dem georgischen Angriff in der Nacht zum 8. August geflohen.