Transnistrien oder doch eher die Krim, Inguschetien oder noch einmal Georgien: Es fehlt nicht an geopolitischen Ängsten, Vermutungen, Spekulationen, in welcher Region womöglich der nächste Konflikt mit Moskau droht. Dabei schweift der Blick meist nach Osten oder gen Süden – wo doch die nächste Sollbruchstelle längst bekannt ist. Vorsicht, auch in diesen Zeilen wird ein wenig spekuliert, wenngleich im Lichte der Tatsachen und nicht im Dunkel des Kaffeesatzes. Das ist erlaubt, denn zur Politik gehört nun einmal eine Portion Fiktion, ein "Was wäre wenn", bei dem die Möglichkeitsform dem Gedanken auf die Sprünge hilft.

Schauen wir also nicht nach Osten oder Südosten, suchen wir lieber den Polarstern. Die Arktis schmilzt, schneller als erwartet, die globale Erwärmung lässt sich keine Zeit (oder womöglich wir Menschen mit unserem Zutun ihr nicht). Die Fläche der arktischen Eiskappe, so errechneten die Fachleute, ist binnen 25 Jahren fast um die Hälfte geschrumpft. Und legt völlig neue politische und wirtschaftliche Möglichkeiten und Ambitionen frei.

Die fünf arktischen Anrainer Kanada, die Vereinigten Staaten, Dänemark, Norwegen und Russland streiten sich schon seit geraumer Zeit um Land, Wasser und Eis im höchsten Norden: Was gehört wem, wie weit, wie tief, und vor allem, wo genau locken die Bodenschätze, Gas und Öl, die jetzt die Erderwärmung erstmals zugänglich macht? Und auf wessen Territorium verlaufen die Wasserwege, die den Zugang erlauben, wenngleich nur für wenige Wochen im arktischen Sommer? Allein in der Barentssee, von Moskau beansprucht, was sofort norwegischen Einspruch auslöste, sollen über 580 Milliarden Barrel Öl schlummern, eine Schätzung nur, aber immerhin, Saudi Arabien bringt es derzeit auf (nachgewiesene) 260 Milliarden Barrel.

Russland hatte die Entwicklung früh begriffen und schon 2001 bei den Vereinten Nationen seinen Anspruch auf etliche Hunderttausend Quadratkilometer arktischer Gewässer angemeldet, unter Berufung auf das UN-Seerechtsübereinkommen, das Moskau, nicht aber Washington ratifiziert hat. Norwegen war nicht säumig, Dänemark arbeitet seine Ansprüche aus, Kanada will sie, wissenschaftlich unterfüttert, noch dieses Jahr vorstellen, wobei es Ottawa immerhin um ein Territorium von der dreifachen Größe Frankreichs geht.

Wer nun freilich glaubt, damit sei doch alles in Ordnung, die fünf Anrainer sollten und könnten sich doch gütlich und rechtlich einigen, der lässt seine Hoffnung allzu schnell ins Kraut schießen. Denn nebenher rüsten alle Seiten tüchtig auf, verbal, juristisch, militärisch. Und symbolisch - hier liefen die Russen allen voran, als sie per U-Boot ihre Fahne in den Tiefen unter dem Nordpol aufpflanzten, sozusagen als Akt unterseeischer Landnahme.