Nach dem jüngsten Bildungsbericht von Bund und Ländern verlassen in Deutschland pro Jahr fast 80.000 junge Menschen die Schule ohne Abschluss - knapp acht Prozent eines Altersjahrgangs. Das Kabinett hat sich heute mit dem Nationalen Bildungsbericht befasst und sich auf das Ziel geeinigt, die Schulabbrecherquote insgesamt zu verringern.

Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) und Arbeitsminister Olaf Scholz (SPD) legten den Streit über dessen Forderung nach einem Rechtsanspruch auf Nachholen des Schulabschlusses bei. Wer den Abschluss nicht geschafft hat, solle bei Arbeitslosigkeit mit Mitteln der Bundesagentur für Arbeit (BA) eine nachträgliche Chance bekommen, sagte Schavan in Berlin. Details sollen beim Bildungsgipfel von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und den Ministerpräsidenten der Länder Ende Oktober in Dresden ausgehandelt werden.

Schwache Schüler aus Problemfamilien oder Migrantenkinder sollen mit Mitteln der BA bereits ab der 7. Klasse gezielt gefördert werden können, um den Schulabbruch zu vermeiden. Schavan verwies dabei auch auf Zusagen der Länder, die Zahl der Abbrecher künftig zu halbieren.

Die SPD bekräftigte ihre Forderung nach Abschaffung der Hauptschulen. Angesichts sinkender Akzeptanz bei den Eltern und gestiegener Anforderungen auf dem Arbeitsmarkt habe die Hauptschule als eigenständige Schulform keine Zukunft mehr. Sie müsse in größere Schulverbünde überführt werden, um den Schülern durch individuelle Förderung und Ganztagsangebote mehr Aufstiegsmöglichkeiten bis hin zur Fachhochschulreife zu bieten, sagte die rheinland-pfälzische Bildungsministerin Doris Ahnen (SPD), Sprecherin der SPD-geführten Bundesländer in Bildungssachen.

Die CSU wies die SPD-Forderung als "realitätsfern" zurück und führte Bayern an. Dort seien die Berufschancen von Hauptschülern viel besser als im Bundesgebiet, sagte der bayerische Kultusminister Siegfried Schneider (CSU) in München. Nur ein Viertel der Hauptschulabgänger müsse in Bayern nachträgliche Qualifizierungskurse besuchen. Bundesweit sind dies nahezu 60 Prozent.

Nur noch 18,9 Prozent der Fünftklässler in ganz Deutschland besuchen heute eine Hauptschule. Laut Bildungsbericht muss der überwiegende Teil der Hauptschüler nach Ende seiner Pflichtschulzeit zunächst eine "Odyssee" verschiedener Nachqualifizierungs- und Überbrückungsmaßnahmen durchlaufen, unabhängig davon, ob ein Abschluss erlangt wurde. Die Effektivität und Effizienz dieser Maßnahmen zweifeln die Bildungsforscher angesichts hoher Kosten für die Bundesagentur für Arbeit wie für den Bund erheblich an. Auch 30 Monate nach Schulende konnten immer noch 40 Prozent der Hauptschüler nicht in eine qualifizierte Berufsausbildung vermittelt werden, heißt es in dem Bericht.