17. Juni
"Ich weiß nur, dass wir alle etwas wollen sollen ..." tönt es aus meinen Lautsprechern. Während ich in Richtung Arbeit fahre, denke ich über den gestrigen Abend nach. Ich saß mit meinen beiden besten Freundinnen Eva und Meike zusammen bei einer Flasche Rotwein und wir sinnierten darüber, dass wir in diesem Jahr alle 30 würden. Unglaublich! Nach einer Weile bemerkten wir, dass wir plötzlich nicht mehr zu dritt, sondern zu sechst auf meiner Couch saßen. Nein, wir waren nicht so betrunken, dass wir alles doppelt sahen. Die drei Personen, die sich zu uns gesellt hatten, waren wir selbst - nur 20 Jahre jünger. Diese drei Mädchen trugen Brille und Zahnspange, hatten Pickel im Gesicht und fest vor, Ärztin, Grundschullehrerin (besser noch: Schauspielerin), Autorin oder Psychologin zu werden.

Wir hören uns ihre unangenehmen Fragen an und wissen: Wir können die drei nicht enttäuschen, ohne uns selbst zu enttäuschen. Mit 30 wollten wir doch ganz anders sein! Warum haben wir eigentlich alle englische Berufsbezeichnungen? Weshalb verdienen wir unser Geld damit, anderen Menschen Dinge zu verkaufen, die gar nichts über unsere Persönlichkeit aussagen?

Wir geben zu: Ja, wir sind einfach mit geschwommen im Strom der schnelllebigen Zeit. Zum Innehalten gab es nie die richtige Gelegenheit. Heute können wir ohne E-Mail nicht mehr leben und vermissen trotzdem unsere Janosch-Postkarten aus der Kinderzeit. Wir haben zwei Handys in der Tasche, um sowohl für Kunden als auch für Freunde jederzeit erreichbar zu sein und sehnen uns dabei nach dem kotzgrünen Achtzigerjahre-Telefon mit Wählscheibe und Spiralkabel. Wir finden alte Schulfreunde in Internetportalen wieder statt auf Klassentreffen.

Unser Selbstmitleid wuchs. Wir standen vor dem Abgrund der verfrühten Midlifecrisis. Nach der zweiten Flasche Wein sahen unsere Miniaturausgaben gnädig über unseren beruflichen Werdegang hinweg. Doch sogleich folgte ihre nächste vernichtende Frage: Wo sind das Haus mit Garten, der liebevolle Ehemann und die pausbackigen Kinder, die wir mit 30 haben wollten? Haus? Fehlanzeige! Den Garten hat zumindest Meike. Den Ehemann hatte ich mal. Eva wird ihn vielleicht einmal haben, wenn ihre Fernbeziehung allen Klippen standhält. Ich jedenfalls bin froh, dass ich die Kinderfrage mit drei Buchstaben und einem glücklichen Lächeln beantworten kann: TOM.

8. – 15. Juli
Nach einem wirklich stressigen Tag hole ich Tom von meinen Eltern ab. Sobald er neben mir im Auto sitzt, fange ich an, mich zu entspannen. Eben noch wollte ich einfach nur so schnell wie möglich nach Hause, um mir die Decke über den Kopf zu ziehen. Jetzt habe ich plötzlich Lust, etwas zu unternehmen, um diesem Tag noch etwas Schönes abzugewinnen.

An der Ampel fällt mir das Kinoplakat von Kung Fu Panda auf und ich beschließe, mich mit Tom zwei Stunden im Kinosessel zu vergraben. In unserem Kleinstadtkino bin ich seit Ewigkeiten nicht mehr gewesen. An der Kasse sitzt die gleiche Kartenverkäuferin wie vor 17 Jahren. Sie hat sogar noch die gleiche Frisur. Genauso vertraut sind mir die Muster auf den plüschbezogenen Wänden.

Das Gefühl von konservierter Zeit macht mich glücklich. Es bietet ein Gegengewicht zu der hektischen Schnelllebigkeit, die mich in den letzten Wochen fast überrollt hat.
In diesem Kino habe ich vor 17 Jahren zum ersten Mal mit einem Jungen Händchen gehalten, während Robin Hood auf der Leinwand für Gerechtigkeit sorgte. Weitere sieben Jahre zuvor habe ich dort meinen allerersten Kinofilm gesehen: Schneewittchen und die sieben Zwerge. Ich erinnere mich heute noch daran, wie meine Mutter damals neben mir saß und meine Hand hielt, als Schneewittchen nach dem vergifteten Apfel griff.