15. Juni
Hier sitze ich also mit dem erfreulichen Auftrag, etwas zu erleben, und zwar historisch zementiert, weil für die ZEIT. Und dann passiert: nischt. Was heißt "nischt" in einem Heldenleben? Es bedeutet, dass ich schwitzend in meinem Superheldenanzug im Hof sitze und dem Kind dabei zusehe, wie es im hofeigenen kleinen Bach herumtapst. Und ab und zu eine Wespe verscheuche. Wenn ich unseren Hof verlasse, etwa um ein Eis zu kaufen, treffe ich meist einen freundlichen jungen Menschen, der mich fotografiert und fragt, warum es so still um uns Helden geworden ist. Ich zeige auf das eisverschmierte Kind am Ende meines Armes, den ich sportlich aus dem Bild heraushalte, und sage: weil wir nischt machen. Und spezifiziere: nischt außer ein paar Lesungen zum Buch und ein paar Festivals, aber die sind so klein, dass das keiner merkt. Und dazwischen, nun ja, da haben wir frei! Frei! Frei! Und dann gehe ich tief zufrieden in meinen Hof zurück.

28. Juni
Wir spielen in einer ostdeutschen Kleinstadt, auf einem Festival gegen Nazis. Auf der Fahrt dorthin erreicht uns die beunruhigende Nachricht, das Festival sei dieses Jahr dramatisch unterbesucht, zwei Drittel weniger als in den Jahren zuvor – als das Festival, und das ist das Beunruhigende, noch nichts mit "gegen Nazis" hieß, sondern "Hops in den Sommer und kaue Blumen". Das Konzertpublikum verteilt sich dann tatsächlich unvorteilhaft locker über den Campushof. Sympathische Menschen, aber, und das bleibt befremdlich, sie sehen beinahe durch die Bank so aus, als wären sie gekommen, obwohl das Konzert so heißt, und nicht deswegen. Später erfahren wir, dass die Idee mit dem Namen einigen lokalen Sponsoren gar nicht gut gefallen habe – damit könne man "hier" nicht arbeiten.

29. Juni
Belgien! Ausland! Aber, ach: Eupen. Das heißt, es sprechen alle Deutsch. Und zwar ungern. Andererseits – es riecht immer und überall nach Waffeln, und wer muss dann schon sprechen? Außerdem bewohnen wir den schönsten Backstage in Benelux. Ein kleines Town-Häuschen mitten in der pittoresken Innenstadt, nebst eigenem Gärtchen und Küche mit Keksen. Und Fernseher! Denn heute muss natürlich das EM-Finale geguckt werden, wenn auch mit Handbremse, da wir direkt nach dem Spiel auf die Bühne müssen, was fürchterlich auf unseren Schultern lastet. So fürchterlich, dass sich große Teile von Band und Crew finalsgemäß besaufen, um wenigstens so zu tun, als wären sie zu Hause. Kann ja auch gut gehen, so was, wenn man danach euphorisiert und mit roten Bäckchen auf die Bühne stürmen und das fußballuninteressierte und deutschlandunempathische Publikum mit wilden Gesängen befremden kann. Weniger gut passt es dazu, mit hängenden Schultern auf die Bühne zu schlurfen, den überraschend zahlreichen Ibero-Belgiern verhalten zuzuwinken und dann ein wenig euphorisches, aber spürbar neben der spurenes Konzert zu spielen.

30. Juli
Heute haben mein Mann Pola (Hauptberuf Schlagzeuger, Nebenberuf Ehemann) und ich den halben Tag auf einer Pressekonferenz zum Sampler Poptastic Conversation China verbracht und einer erstaunlich großen Anzahl erstaunlich aufgestachelter Journalisten erklärt, warum wir das machen – auf Chinesisch singen: Dass wir nicht aus Jux und Dollerei, sondern aus Überzeugung dabei sein wollen – bei einem Projekt, das chinesische Underground-Bands mit deutschen Künstlern – wie den Ärzten, den Sternen und Tele – zusammenbringt.

Die meisten Fragen drehen sich erwartungsgemäß um das Thema Weltherrschaft. Nicht die Weltherrschaft der Chinesen, natürlich, sondern die von Wir sind Helden. Genauer gesagt um die Frage, ob wir dieselbe anstreben und wie das alles, seufz, mit unserem Engagement für Tibet zusammenpasst. Die Tatsache, dass ebenjener kleine Sampler zunächst nur in Deutschland veröffentlicht wird und damit als Weltherrschaftsvehikel denkbar ungeeignet ist, scheint keinen großen Eindruck zu hinterlassen. Auch nicht die mühevoll in große Worte verpackte kleine Wahrheit, dass nicht alle Chinesen Schweine sind und manche sogar jung und Punk.

Am bemerkenswertesten: die summende Feindseligkeit, mit der die Journalisten aufeinander losgehen. Da wird gehauen und gestochen, als ginge es um die Fotos von Brangelinas Zwillingen. Und der konferenzunerfahrene George Lindt, Vater des Samplers, wird aus einem Dutzend Kehlen angefaucht, als er aus Versehen sein Mikrofon anfasst und damit ein Feedback erzeugt.