25. Juni
David Cornwell, alias John le Carré, lädt ins Hotel Atlantic ein. Er hat wieder ein herrlich spannendes Buch geschrieben. Einer Nebenfigur, einem vertrottelten Bankier, verpasste er meinen Vornamen Haug von Sowieso. Vor vierundvierzig Jahren begleitete er mich auf einer Pressereise – er war Mitarbeiter der britischen Botschaft, ich Journalist – nach London und zeigte mir, wo man gute Hemden erwerben konnte. Bin ihm ewig dankbar.

26. Juni
Der ICE ist fast leer. Aber da will doch wirklich der Typ mit seinem Laptop sich mir gegenüber an den Zweiertisch setzen. Er fragt höflich. Ich ziehe die Augenbrauen hoch. Ja, hier sei halt eine Strombuchse. Aber dort doch wohl auch? Ja, aber sie funktioniert nicht. "Also", sage ich, "ich hoffe, diese funktioniert auch nicht!" Mit einem wütenden "Das reicht" verschwindet er. Das schlechte Gewissen über meine Unhöflichkeit hält sich in Grenzen.

28. Juni
Da fordert doch wirklich ein Schreiberling, Netzer abzulösen und dafür Herrn Klopp mehr Raum zu geben. Jener sei zu alt und also überständig. Nein, wenn ich dauernd den unrasierten, unfrisierten, ungepflegten und schwer zu verstehenden Klopp um mich haben müsste, zusammen mit dem Dauerschwiegersohn Kerner und dem zu klein geratenen Schweizer Urs Meier, sage ich dem Fußball Lebewohl. Netzer, sauber rasiert, gut gebürstet, einwandfrei gewandet, weiß, wovon er redet. Folgt man ihm, ist man auf der sicheren Seite und kann auf die Spanier wetten. Das Land braucht mehr solcher Leute wie Netzer mit Verstand und Benehmen.

9. Juli
Bürohaus in München. In der fünften Etage, wo das mittlere Management des Unternehmens sitzt, werden dem Gast trockene Kekse und ein Espresso aus einer stotternden Kaffeemaschine angeboten. Ganz oben aber, wo die Herren der Schöpfung residieren, die, von allen beschimpft und verleumdet, die Verantwortung für den ganzen Laden schaukeln, gibt es den vorzüglichsten Kaffee aus Hightechmaschinen, gereicht in Tassen aus Nymphenburger Porzellan.

17. Juli
Die Brecht-Tage beginnen mit einem furiosen Text, den Daniel Kehlmann verfasst hat und auf der Hinterbühne des Augsburger Theaters vorträgt. BB ist für ihn ein wohl fragwürdiger Bürger, der den Diktator Stalin lobhudelte, aber auch Gedichte schrieb, voller Kraft und Melodie, wie wenige in deutscher Sprache. Mir fielen plötzlich die Zeilen ein, die wir in Potsdam auf der Schule lernten: "Da war der Lehrer Huber, der war für den Krieg, für den Krieg. Wenn er sprach vom alten Fritzen, sah man seine Augen blitzen, aber nie bei Wilhelm Pieck." Ich lasse mir meinen Brecht nicht nehmen. Die Aufführungen im Berliner Ensemble in den fünfziger Jahren, ich sehe die Weigel, Ekkehard Schall und den kleinen Schubert vor mir. Wer kennt ihre Namen noch – und erst den von Wilhelm Pieck?

25. Juli
ICE von Augsburg nach Hamburg. In Würzburg steigt der liebe alte Erhard Eppler dazu. Die SPD hatte es schwer mit ihm und er mit ihr. Schmal ist der Alte geworden. Ein kurzer Blick in die Süddeutsche, dann fallen dem Guten die Augen zu. Gleich laufen wir in Hamburg ein. Er schläft noch immer. Wie sagte doch der alte Fritz, als sein Husarengeneral Zieten vor aller Augen einschlummerte? "Lass schlafen nur den Alten, er hat in mancher Nacht sich wach gehalten, der hat genug gewacht!" Wenn Epplers Kinnlade nur nicht so töricht herunterhinge.