2. Juli
Meine große Reise beginnt zunächst rein dienstlich. Die Schaubühne Berlin, mein neues künstlerisches Zuhause, ist mit Hamlet zu zwei internationalen Festivals eingeladen. Ich werde Königin Gertrud und Ophelia spielen. Nach Kühlschranktemperatur im Flugzeug empfängt uns Athen mit herrlichen 40 Grad im Schatten. In unserer Theaterhalle herrschen ähnlich mollige Temperaturen. Für Schauspieler gilt: Klimaanlagen sind der Tod jeder Stimme. Hitze oder Heiserkeit, das ist hier die Frage.

3. Juli
Hilfe, wir sind immer noch eine halbe Stunde zu lang. Die Vorstellung soll ohne Pause maximal zweieinhalb Stunden dauern, das heißt knallhart: Kill your darlings! Die ganze Bühne ist knöchelhoch mit Berliner Erde bedeckt, wir spielen in Athen also quasi auf deutschem Boden.

5. Juli
Drei Uhr morgens. Nach nächtlichen Endproben und einem Mythos-Bier sieht die Akropolis vom Hoteldach so erhaben aus, als wandelten immer noch Denker in Sandalen durch das Erechtheion. Nachts schleicht sich auch das Heimweh an, mein treuer Reisebegleiter. Ich sehne mich nach meinem eigenen Bett – das immer noch in Hamburg steht.

7. Juli
Heute hatte unser Hamlet Premiere, und die Griechen sind begeistert! Riesenapplaus und Standing Ovations. Wir sind sehr froh und sehr erschöpft. Zur gleichen Zeit tanzt auf einer anderen Bühne mit jugendlichem Charme der göttliche Baryshnikov den Gesetzen der Schwerkraft davon. Dieser große Künstler beweist: Wenn du liebst, was du tust, ist Zeit relativ.

14. Juli
Ankunft in Avignon: Die Stadt vibriert, überall wird gespielt, gesungen, performt; jede Straße, jeder Platz, jede Garage eine Bühne. Als 16-jähriges Rucksackmädchen war ich hier unsterblich in einen Pantomimen verliebt, wir verstanden uns – ohne Worte. Der Reaktorunfall vor wenigen Tagen in Tricastin, gar nicht weit von hier, ist in Frankreich kein Thema, schon gar nicht am Nationalfeiertag. Monsieur Bling-Bling ist der Ansicht, dass die Atomkraft ein Segen für uns alle ist.

16. Juli
Herrlich! Hamlet unter freiem Himmel, vor 2000 Theater-aficionados im Hof des Papstpalasts! Was für eine Ehre, hier zu spielen! Die hohen, schweren Mauern haben eine magische Ausstrahlung. Großes Gelächter und Szenenapplaus für meinen Carla-Bruni-Song als dänische Königin. Die Franzosen lieben es, ihre Mächtigen zu verspotten. Nach der Premierenfeier tanzen wir bis zum Morgengrauen in einem Club, der völlig zu Recht Delirium heißt.

20. Juli
Letzte Vorstellung in Avignon: Der Mistral bläst uns fast weg, hochtheatralisch. Ab dem dritten Akt ist mir allerdings in meinem schwarzen Hauch-von-Nichts so kalt, dass ich laut mit den Zähnen klappere. Ein wunderbarer Abschiedsapplaus, merci mille fois, Avignon!