21. Juni
Sommer. Sommersommersommer. Schon in dem Wort steckt all das berauschende Freiheitsgefühl, mit dem man am ersten Ferientag die Schultasche in die Ecke knallt. Unbegrenzte Möglichkeiten! Jack-Russell-Hündin Kümmel und ich werden diesen Sommer überwiegend im Garten verbringen. Dazu, als Premiere, Tagebuch. Wird ja von ernst zu nehmenden Gärtnern ohnehin empfohlen, ich habe nur nie ganz verstanden, weshalb: Im Winter fördert das Nachlesen den Entzugsfrust, im Sommer bin ich lieber draußen. Über allem die ewige norddeutsche Sommer-Schicksalsfrage: Sturmtief oder Azorenhoch? Bedeutet: Schmetterlinge oder Schnecken?

22. Juni
Seit Kümmels plötzliche Erblindung ihr die Nagerjagd erschwert hat, spezialisiert sie sich auf Secondhandbeute. Heute früh: Bussard flog direkt vor uns auf, und schon hatte sie geschnappt, was er gerade geschlagen hatte: ein winziges Junghäschen. Die Beute aller Träume. Die musste mit. Unbedingt! "Lass sie doch, ist ja noch ganz frisch", war mein erster Impuls. Dann kam eisig die Realität zurück: Brut- und Setzzeit! Leinenzwang! Lynchjustiz! Ich sah mich schon einem grimmigen, bis an die Zähne bewaffneten Grünberockten erklären: "Ehrlich, Herr Oberförster, das haben wir bloß gefunden…" Lieber nicht.

23. Juni
Spätabends ein flammend roter Himmel, aber die Luft absolut still. Surrealistisch, alles Vertraute buchstäblich im fremden Licht zu sehen.

25. Juni
Fuhr konfus aus dem Schlaf auf: Um zwei Uhr früh eine Ente im Garten? Doch das Quaken kam von gegenüber. Ein Teichfrosch, erstaunliche Dezibelstärke. Es hat die richtigen Nachbarn getroffen. Falls der Frosch in deren aufgeräumtem Revier Deckung findet, könnte dieser Zusam-menstoß des Besenreinen mit dem Ungezähmten wirklich amüsant werden. Aber ich sorge mich um sein Wohlbefinden.

28. Juni
Mulmiges Gefühl hat nicht getrogen. Frosch hat zum bis nächsten Mittag durchgequakt, dann verstummte er abrupt und ward nie wieder gehört.

29. Juni
EM-Endspiel. An einem Gartenabend in fast unwirklicher Traumstille wird mir wieder klar, wie sehr ich doch Fußball liebe – solange ich ihn nur nicht selber sehen muss.

3. Juli
Freude am vielen Wasser nach langer Dürre etwas dadurch getrübt, dass am Abend ein beträchtlicher Teil des Starkregens via überlaufende Dachrinne und undichte Tür direkt im Haus landet. Während ich fluchend die geschätzten achtzig Liter Wasser von meinem Quadratmeter Flur wische, sehe ich draußen plötzlich meine Grasfrösche buchstäblich auftauchen. Wie glänzende Aufziehspielzeuge hüpfen sie durch die Wasserschwaden, bronzefarben aufschimmernd, sobald das Laternenlicht sie trifft. Wieso ist alles, was Frösche tun, so gravitätisch und grotesk zugleich?

7. Juli
Muss jetzt ganz, ganz tapfer sein und mich der Tatsache stellen, die ich nicht mehr verdrängen kann: Die Rosenzeit ist vorbei.