4. Juni
Die Kindernothilfe ruft mich zu Hause an, während ich Risotto koche. Sie fragen mich, ob ich mit in das Katastrophengebiet nach Burma fahre, ich arbeite seit drei Jahren mit ihnen zusammen. Ich stelle den Herd ab. In der Flutregion entstehen sechs Traumazentren für Kinder. Ich spüre sofort, dass diese Reise auch eine Reise in meine eigene Geschichte wird. Vor dreieinhalb Jahren, am Tag des Tsunamis, war ich in Khao-Lak, Thailand. Ich habe seither eine große Scheu, wieder in die Region zu fahren.

26. Juni
Ich treffe mich mit der Traumaexpertin Tina Dietz zu einem Arbeitsessen, um mich auf die Reise nach Südostasien vorzubereiten. Ich nehme Zürcher Geschnetzeltes. Frau Dietz hat einige Projekte der Kindernothilfe begleitet. Wir sprechen auch über mich. Ich erzähle ihr von meiner Reise nach Bali vor sechs Monaten. Mein Bungalow stand direkt am Wasser. Mit Schrecken stellte ich fest, dass das Geräusch des Meeres für mich nur noch bedrohlich ist und nichts Beruhigendes mehr hat.

8. Juli
Die Partner der Kindernothilfe im Süden Burmas sagen uns ab. Die Militärs dort wollen keine Öffentlichkeit. Was jetzt? Die Leute von der Kindernothilfe und ich entscheiden uns für eine Reise in das Goldene Dreieck, eine Region im Grenzgebiet zwischen Laos, Thailand und Burma. Tausende Menschen fliehen wegen grausamer Menschenrechtsverletzungen aus Burma über die Grenze nach Thailand. Humankapital für Schlepper, Verbrecher und die Mafia. Menschenhandel, Kinderhandel, sexwork. Der Hunger ist mir heute vergangen.

7. August
Ich liege nachts wach und denke an die Tage vor dem Tsunami: eine Flussfahrt im Landesinneren, Schnorcheln bei den Similan Islands, ein Elefantenritt durch den Dschungel. Und dann taste ich mich langsam an den 26. Dezember 2004 ran: Versprengte Erinnerungen an den Geruch von Hitze und Angst steigen in mir hoch. Gespenstische Stille mitten in der Hölle. Ich weiß nicht, was ich packen soll. Ich stehe auf und trinke ein Glas Milch.

14. August
Ankunft in Bangkok. Vom Flughafen direkt zu den Vereinten Nationen. Matthew Friedmanns Drei-Schritt-These, um den Menschenhandel im Norden des Landes einzugrenzen: prevention, protection, prosecution. Matthew erzählt von einem Jugendlichen, der in einer Fabrik anfängt und dort eingesperrt wird. Er soll 50 Dollar Gehalt im Monat bekommen. Nach drei Monaten will er sein Geld. Sein Chef aber verlangt 15 Dollar von ihm. "Schlafen und Essen kosten hier 55 Dollar. Im Monat." Es gibt immer noch Sklavenhalter. Abends essen wir Green Curry am Chao-Phraya. Der Fluss fließt mitten durch Bangkok, und ich erinnere mich an nichts. Obwohl ich hier zwei Tage nach dem Tsunami gewohnt habe, genau an diesem Fluss. Die Zeit ist wie ausgelöscht, als ob sie nie stattgefunden hätte. Hippocampale Amnesie.


15. August

Patchareeboon Sakulpitakphon, die Mitarbeiterin der Organisation ECPAT, berichtet von Kindern, die bereits mit zwei Jahren für Pornografie missbraucht werden. Ab sechs zwingen Zuhälter sie in die Prostitution. Manchmal werden die Mädchen und Jungen dazu gezwungen, Pornos anzuschauen, mit dieser Gehirnwäsche werden sie auf die Ausbeutung vorbereitet. Beim traurigen Ranking der Sextouristen stehen die Chinesen, Japaner und Koreaner ganz vorn, gefolgt von Briten, Deutschen und Skandinaviern. Sextourismus ist ein entscheidender ökonomischer Faktor in diesem Land, weshalb sich thailändische Politiker nach wie vor wegducken.


17. August

In Burma, auch Myanmar genannt, gehen die Uhren eine halbe Stunde nach. Wir laufen im Regen über die Grenzbrücke nach Burma. Ein Ort, der Platz lässt für den Handel mit Kindern und für Prostitution. Wir verbringen den Tag mit zwölf Straßenkindern. Die meisten sind high vom Schnüffeln. Die billigste Art hier, glücklich zu werden. Wir laden sie zum Essen ein. Sie essen schnell, manche bestellen zweimal. Krapau, Schweinefleisch, Reis und Spiegelei obendrauf. Dazu Cola. Für eine halbe Stunde sind sie Kinder. Myanmartime. Wir besuchen das Kinderheim Childlife, das von der Kindernothilfe unterstützt wird. Hier sind die früheren Brückenkinder vorübergehend in Sicherheit.