Bei einem berühmteren Verfasser hätte der Roman Cervantes wohl seinen Platz in den Klassikerregalen der Buchhandlungen sicher. Er stammt allerdings von einem Autor namens Bruno Frank, an den sich selbst in der Germanistik nur noch die Experten für Exilliteratur erinnern dürften. Der jüngste Versuch, den besten Roman des 1887 in Stuttgart geborenen und 1945 in Beverly Hills gestorbenen Schriftstellers an das literarische Publikum zu bringen, ist auch schon wieder etwas länger her. 1992 probierte es der Ullstein Verlag mit einem Taschenbuch, das rasch in den Wühlkisten für die Mängelexemplare landete.

Wie der Titel vermuten lässt, erzählt Franks Roman die Geschichte von Miguel de Cervantes, dem Verfasser eines der größten Werke der Weltliteratur, des Don Quijote. In kleinen, auf das Wesentliche beschränkten Kapiteln von großer atmosphärischer Dichte berichtet das Buch aus den entscheidenden Lebensjahren und Entwicklungsphasen des spanischen Nationaldichters.

Hierbei gelingt Frank das Kunststück, zunächst das Interesse des Lesers an der spanischen Renaissance mit all ihrem Prunk und Elend zu wecken. Erst nach und nach rückt er die Figur des Cervantes immer stärker in den Vordergrund. Im Verlauf der Beschreibung dieser vor allem an Niederlagen reichen Biografie bekommt der Leser eine Ahnung von dem rätselhaften Zusammenhang zwischen Leben und Literatur. Waren etwa all diese niederschmetternden Schicksalsschläge notwendig, damit aus dem Schutt einer in sich zusammengestürzten Existenz der berühmte Ritter von der traurigen Gestalt hervorreiten konnte?

Letztlich handelt Franks Cervantes-Roman, der erstmals 1934 veröffentlicht wurde, von dem unerschütterlichen Glauben an die Unzerstörbarkeit des Lebens. Der Held dieser fiktiven Biografie, deren äußere Daten mit dem Leben des echten Cervantes übereinstimmen, geht stets innerlich gestärkt aus den Ereignissen hervor. So erliegt er beinahe seinen schweren Verletzungen, die er sich als Mitglied der spanischen Marine bei der Schlacht von Lepanto zugezogen hat.

Auch besitzt er fortan nur noch eine Hand. Ausgestattet mit den entsprechenden Empfehlungsschreiben, reist der zum Krüppel Geschossene dennoch hoffnungsfroh Richtung Heimat. Das Schiff, das ihn heimwärts trägt, wird kurz vor dem Ziel von algerischen Korsaren gekapert und Cervantes als Sklave nach Algier verschleppt. Aufgrund seiner "geheimnisvollen menschlichen Herrlichkeit" übersteht Cervantes die mehrere Jahre dauernde Gefangenschaft in dem Seeräuber-Königreich aber sozusagen mit Bravour.

Cervantes, der sich zwischenzeitlich auch erfolglos als Schriftsteller und Ernährer einer Familie versuchte, bleibt am Ende nichts anderes übrig, als Proviantkommissar des Königs zu werden. Aber auch in dieser Position, die von ihm verlangt, aus den Ausgepressten das Letzte herauszuholen, bewahrt er, der von allen Gehasste, seinen menschlichen Anstand. Schließlich landet er selbst wegen der Unterschlagung von Steuergeldern im Gefängnis. In dieser Pause vom Leben, kurzzeitig in Ruhe gelassen von den Anfeindungen eines höhnischen Schicksals, beginnt Cervantes sein edelstes Vorhaben, die Niederschrift des Don Quijote, diese glorreiche Abbrechung mit all dem "verschollenen Spuk".