"Darf man, wenn es irgendwo brennt, rund ums Feuer Geld verdienen? Zum Beispiel als Finanzdienstleister mit einer Feuerversicherung?" Ihre rhetorische Frage beantwortet Claudia Kemfert gleich selbst: "Ja, wieso denn nicht?!" Genauso sei es mit dem Klimawandel. Auch der werde zum Riesengeschäft. Und wenn wir es nicht machen, dann verdienen eben andere daran.

"Geradezu fassungslos" beobachte sie die ideologisch aufgeladenen Debatten um Klimakatastrophe und Weltrettung. Dabei sei "nüchtern betrachtet" die Sache doch "ziemlich klar": Aktiver Klimaschutz ist wesentlich billiger als passiv erduldeter Klimawandel. Deshalb ist Klimaschutz "keine Last, sondern der Wirtschaftsmotor der Zukunft."

Das ist die Botschaft, die Deutschlands umtriebigste Wirtschaftsprofessorin mit ihrem neuen Buch unter die Menschen bringen will. Sie macht das so forsch und locker, wie sie in Interviews und Fernsehtalkshows die volkswirtschaftlichen Folgen des Lokführerstreiks oder den Zusammenhang zwischen Kaukasuskrieg und Gaspreis kommentiert.

Kaum ein Thema, zu dem die 40 Jahre junge Abteilungsleiterin für Energie, Umwelt und Verkehr am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in den vergangenen Monaten nichts zu sagen gehabt hätte. Doch ihr Lieblingsstoff sind die wirtschaftlichen Folgen des Klimawandels. Sie waren vor vier Jahren auch schon das Thema ihrer Antrittsvorlesung als Professorin für Umweltökonomie an der Humboldt-Universität. Die Dame kennt sich also aus.

Dort, wo Kemfert die wichtigsten Ergebnisse der Klimaforschung griffig zusammenfasst oder das Potenzial von Öl, Gas, Kohle und Erneuerbaren für den Energiemix der Zukunft analysiert, merkt man ihrem Buch die Erfahrung im verständlichen Vermitteln der komplexen Zusammenhänge auch an. Wenn sie die Verhandlungen um das Kyoto-Protokoll als eine Versammlung Übergewichtiger auf der Suche nach der richtigen Diät beschreibt, wird die Beschäftigung mit der trockenen Materie sogar zum Lesevergnügen.

Doch sobald sie zu ihrem Kernthema kommt, überrascht Kemfert mit erstaunlich schludriger Arbeit.

Das beginnt schon mit den Zahlen und Fakten. Da werden Milliarden mit Millionen verwechselt und Billionen mit Milliarden. Der Handel mit CO2-Emissionsrechten an der Amsterdamer European Climate Exchange wird mit absurden "bis zu 34 Milliarden Tonnen pro Tag" angegeben. Das wäre mehr als der weltweite CO2-Ausstoß pro Jahr. Ein kurzer Blick auf die Börsen-Website zeigt, dass 2008 höchstens 15 Millionen Tonnen und im Durchschnitt unter sieben Millionen Tonnen Emissionsrechte am Tag gehandelt wurden.

Dass Katar 770.000 Einwohner haben soll, steht zwar in der Google-Trefferliste auf Platz eins – und so auch in Kemferts Buch. Nur stimmt es leider ebenso wenig wie ihre Behauptung, damit habe das Emirat am Golf genau so viele Bewohner wie das Land Bremen. Und China gehört keineswegs, wie von Kemfert behauptet, zusammen mit den USA zu den Staaten, die das Kyoto-Protokoll nicht ratifiziert haben. China tat das schon 2002.

Derartige Fehler hätte der Murmann Verlag mit einem gründlichen Lektorat verhindern können. Für ihre steile Eingangsthese trägt Claudia Kemfert dagegen allein die Verantwortung: "Wir können klimaneutral leben. Wenn wir wollen, sofort! Und das für etwa 70 Cent pro Tag und Person."

Die überraschende Zahl steht schon auf Seite 13 und wird bis zum Ende des Buches mehrmals wiederholt. Ein Flüchtigkeitsfehler kann das nicht sein, aber einen Hinweis, woher sie die Zahl nimmt, gibt Kemfert erst auf Seite 237. Sie hat einfach den durchschnittlichen CO2-Ausstoß jedes Deutschen (10,4 Tonnen pro Jahr) mit dem derzeitigen Börsenpreis für CO2-Emissionsrechte (23 Euro pro Tonne) multipliziert und durch 365 Tage geteilt. 

Doch Kemfert ("ich bin nicht Öko, sondern Ökonomin") sollte wissen, dass sich ein Börsenpreis nach Angebot und Nachfrage richtet. Bisher wurden die Emissionsrechte im großen Stil verschenkt. Kein Wunder, dass die Nachfrage gering und der Preis im Keller ist.

Müssten wir die Rechte für unseren Energieverbrauch beim Wohnen, Reisen und Konsumieren tatsächlich einsetzen, würde ihr Preis schnell explodieren. Denn die Emissionen lassen sich nicht mit einem Geniestreich an der Börse wegpusten, sondern nur mit der mühsamen Umstellung der Industriegesellschaften von fossiler auf erneuerbare Energien und deren hocheffiziente Nutzung. Das ist politisch brisant, dauert Jahrzehnte und wird erheblich mehr kosten als 70 Cent am Tag.

Auch Kemferts Hinweis darauf, dass die Klimakompensation für eine Flugreise heute für ein paar Euro und der Umstieg von Normal- auf "Ökostrom" sogar fast umsonst zu haben ist, kann nicht als Beleg dafür dienen, dass Klimaschutz kaum etwas kostet. Im Gegenteil: Es sollte misstrauisch machen, ob derartiger Ablasshandel den CO2-Ausstoß tatsächlich vermindert.

Doch gründliche Recherche bietet das eilig verfasste Buch nicht. Dafür erfährt der Leser, dass die Autorin regelmäßig mit den Chefs der großen Energiekonzerne am Tisch sitzt, vom EU-Präsidenten, dem Bundeswirtschaftsminister und der Weltbank um Rat gefragt wird, Steve Jobs auf dem Hollandrad und der Queen "nicht in Grün, sondern im blauen Kostüm" begegnet ist und praktisch auch schon den Friedensnobelpreis bekommen hat – als "offizielle Gutachterin" des Weltklimarats IPCC.

Claudia Kemfert: Innovation statt Depression - Die andere Klima-Zukunft, Murmann Verlag, Hamburg, gebunden, 264 Seiten, € 19.90