Eins darf man nicht vergessen: Die SPD ist im Moment eine Partei unter Beobachtung. Franz Müntefering wird während seiner Wahlkampfauftritte, wie jenem im Münchener Hofbräukeller , gewiss viel echte Begeisterung entgegengebracht. Die seit der Ära Schröder auf medientaugliche Inszenierungen trainierten Genossen würden sich in dieser Lage allerdings auch dann keine Skepsis anmerken lassen, wenn der ehemalige Vizekanzler stammelte oder FDP-Parolen riefe.

Doch tatsächlich verbergen sich hinter dieser Disziplin zwei große Gefühle: echte Verzweiflung. Und echte Zuneigung

Die Verzweiflung gilt der systematischen Demontage des Vorsitzenden Kurt Beck durch die Medien (Journalisten mögen das überwiegend anders sehen, aber so wird es in der SPD empfunden). Die wenigsten Sozialdemokraten wollen illoyal gegenüber diesem Vorsitzenden sein. Ganz egal ob sie finden, dass er Fehler gemacht hat, siehe Linkspartei und Arbeitslosengeld I, oder nicht.

Aber es dürften ebenso wenige sein, die noch glauben, dass ein dermaßen Beschädigter zu retten wäre oder gar, als Kanzlerkandidat, die Partei rettete. Von Müntefering hingegen glaubt man das, ganz gleich, welche Funktion er haben möge. Er kommt zurück zur SPD – nicht aus einem Dickicht von Widrigkeiten und verbissener, halb eleganter Gegenwehr, sondern von einer zutiefst menschlichen, anständigen Aufgabe: der Pflege seiner todkranken Frau. Er kommt zurück als Retter.

Und schon ist da die echte Zuneigung. Die muss man erklären bei einem Ex-Parteivorsitzenden, der eben diesen Parteivorsitz aus einem vergleichsweise nichtigen Grund hinwarf – weil eine Politikerin Generalsekretärin der SPD werden wollte, die er zuvor gefördert und geschätzt hatte. Diese Entscheidung Münteferings mag ein wenig hysterisch gewesen sein, und sie mag der Partei geschadet haben. Aber anders als Oskar Lafontaines Abtritt als Finanzminister sollte sie der Partei nicht schaden.

Münteferings Rücktritt war für viele Genossen auch der Schritt eines Mannes, der nicht alles mit sich machen lässt. Eines Mannes, der authentisch ist, der meint, was er sagt, und glaubt, was er sagt.