Dass dies ein dramatischer Tag für die deutsche Sozialdemokratie werden würde, davon ist am diesem herbstlichen Sonntag kurz vor Elf am malerischen Schwielowsee in Brandenburg nichts spüren. Eine Krönungsmesse soll in dem Tagungshotel südwestlich von Berlin stattfinden, die Krönung des SPD-Kanzlerkandidaten. So haben es der Parteivorsitzende Kurt Beck und sein Stellvertreter Frank-Walter Steinmeier in den vergangenen Tagen verabredet, und so ist es in den Sonntagszeitungen zu lesen.

Die zur Klausurtagung der Parteiführung eintreffenden Sozialdemokraten wirken entspannt. Sie scherzen, obwohl sie genauso überrascht wurden von den Meldungen von der Kandidatenkür wie die Öffentlichkeit. Offenbar ist die Erleichterung darüber groß, dass die quälenden Diskussionen über die K-Frage nun zu Ende sind und endlich die Entscheidung für Steinmeier verkündet werden soll.

Es kommt jedoch alles ganz anders. Sechs Stunden später sind die anwesenden Parteigranden Zeuge eines weiteren schwarzen Tages der SPD geworden. Der Vorsitzende ist fluchtartig zurückgetreten, wieder einmal. Das böse Wort vom "Putsch" durch die Parteirechten macht die Runde, und viele Genossen kommen verstört, betroffen und ratlos aus dem Tagungssaal. Sie rätseln über die Gründe für Becks überraschenden Abgang. Selbst Steinmeier gibt sich "überrascht und schockiert". Beck ist weg, im übertragenen und im wörtlichen Sinne, und Steinmeiers Kür zum Kanzlerkandidaten, mit der die Partei eigentlich durchstarten wollte, gerät fast zur Nebensache.

Dass irgendetwas nicht stimmt, spüren die zahlreich anwesenden Journalisten erstmals, als kurz vor Elf der Fraktionsvorsitzende Peter Stuck mit seinem Motorrad vorfährt. Struck ist wütend. Er weiß nicht, dass sich Beck schon seit fast einer Stunde mit seinen Stellvertretern Frank-Walter Steinmeier, Peer Steinbrück und Andrea Nahles, mit Generalsekretär Hubertus Heil und Schatzmeisterin Barbara Hendricks in einem nahe gelegenen Gasthof berät. Er wird in einem Auto zu der kurzfristig einberufenen Zusammenkunft gefahren.

Es dauert, bis die engere Parteispitze zurückkehrt, und je länger es dauert, desto nervöser werden die wartenden Genossen. Irgendwann schwant ihnen Böses, und bevor knapp zwei Stunden später die Limousinen vorfahren, ist das Gerücht vom Rücktritt Becks bereits am Schwielowsee eingetroffen.

Der Vorsitzende wählt den Hintereingang, und seine Erklärung vor den etwa 50 anwesenden Sozialdemokraten fällt knapp aus. Er habe schon vor Monaten entschieden, dass Steinmeier Kanzlerkandidat werden solle und diesen vor zwei Wochen gebeten, dieses Amt zu übernehmen, sagt er. Doch nachdem die Entscheidung bereits am Samstag an die Medien durchgesickert war, sieht er nun seine Autorität als Parteivorsitzender in Frage gestellt und sich in die "dritten Rolle" gedrängt. "Ich gehe jetzt", sagt er noch und verlässt vorzeitig den Tagungsort. Wortlos. Damit hat offenbar keiner gerechnet. Nicht Steinmeier und auch nicht die versammelten Führungsgenossen.