Die SPD hat in ihrer langen Geschichte schon viele Krisen und Turbulenzen durchgemacht. Aber solch dramatische Ereignisse wie an diesem Sonntag hat sie lange nicht erlebt. Zuletzt vielleicht auf dem legendären Mannheimer Parteitag 1995.

Wie damals Oskar Lafontaine den unglücklichen Vorsitzenden Rudolf Scharping wegputschte, stürzte jetzt Frank-Walter Steinmeier – ob geplant oder nicht – den glücklosen Parteichef Kurt Beck. Indem der Außenminister und Parteivize sich quasi selbst zum Kanzlerkandidaten ausrief, drängte er den Pfälzer zum Rücktritt. Diese letzte Demütigung wollte der sich nach Monaten der Demontage nicht mehr zumuten. Und er wollte sich offenkundig auch nicht mit einem Platz in der zweiten oder dritten Reihe abfinden.

Nachfolger von Beck wird dessen Vorvorgänger Franz Müntefering, als vierter Vorsitzender binnen vier Jahren. Er, den viele in der Partei als "Retter" ansehen, der aber 2005 auch schon einmal den Vorsitz aus minder bedeutendem Grund hinwarf, soll gemeinsam mit Steinmeier die Partei aus ihrer tiefen Krise führen. Ob das gelingen wird?

Immerhin: Der Absturz der SPD ist wohl erst einmal gestoppt. Viel tiefer konnte sie kaum mehr sinken. Nun gibt es Chancen, dass es irgendwann wieder aufwärts gehen könnte.

Aber bis dahin ist noch ein beträchtlicher Weg. Doch ein erster wichtiger Schritt ist getan: Nach quälenden Monaten ist die Führungsfrage geklärt. Beck ist weg, Steinmeier und Müntefering, beides Schröder-Leute und entschiedene Reformer, sind nun das Kraft- und Machtzentrum der Partei.

Der eine, Steinmeier, hat endlich das bewiesen, was viele bei ihm bislang vermisst haben: Machtwillen, Führungsstärke und auch ein Stück Skrupellosigkeit. Sein Lehrmeister Gerhard Schröder lässt grüßen. Steinmeier hat damit gezeigt, dass er tatsächlich das Zeug zum Kanzlerkandidaten und vielleicht auch zum Kanzler hat.

Der andere, Franz Müntefering, ist derzeit der einzige, dem so gut wie alle in der Partei vertrauen – Rechte wie Linke. Durch seine Auszeit, in der er seine todkranke Frau pflegte, hat er seinen Nimbus als selbstloser, aufrechter Politiker und Sozialdemokrat noch verstärkt.