Manchmal ist in einer Sache einfach der Wurm drin. So etwas passiert im wirklichen Leben und gegenwärtig ganz besonders in der SPD. Am gestrigen Sonntag sollte nach langem Barmen und Ächzen endlich ein Kanzlerkandidat für die Wahl im nächsten Jahr ausgerufen werden - und dann tritt gleich noch der Parteichef zurück, und sein Vorgänger soll sein Nachfolger werden.

Damit nicht genug, biegen prompt Verlautbarungen um die Ecke, Kurt Beck wäre von innerparteilichen Gegnern politisch gemeuchelt worden und eine konsternierte, aber nach wie vor sehr starke Parteilinke beginnt zu knurren. Die Chaostage in der SPD haben ihren bisherigen Höhepunkt erreicht.

Das alles riecht mehr nach einem Putsch aus schierer Verzweiflung, denn nach einem erfolgreichen Neuanfang. Gewiss, Franz Müntefering wird die SPD besser zusammenhalten können als sein Vorgänger Kurt Beck, der seit Monaten faktisch die Kontrolle über die Partei verloren hatte. Man vergesse jedoch nicht, warum Franz Müntefering dereinst vom Parteivorsitz zurückgetreten ist. Er hatte sich bei einer minderen Personalfrage gegen den linken Flügel nicht durchsetzen können.

Die seitdem verstärkte Linksverschiebung der SPD wird dem Parteivorsitzenden Müntefering und Kanzlerkandidaten Steinmeier in Zukunft aber noch sehr viel größere Probleme machen, ja wird zu nicht auflösbaren Widersprüchen zwischen Kandidat und linker Parteimehrheit führen. Der Außenminister übernimmt mit der sozialdemokratischen Kanzlerkandidatur wohl die undankbarste Aufgaben, die gegenwärtig in der Republik angeboten wird. Gewiss wäre er ein guter Kanzler. Es fehlt ihm nicht an der Befähigung zum Amt des Bundeskanzlers. Wohl aber an zwei entscheidenden objektiven Voraussetzungen, die jenseits seiner Fähigkeiten liegen. Und deretwegen er nur im Falle eines Wunders Kanzler werden kann.

Erstens braucht er dafür eine Mehrheit im Deutschen Bundestag und danach eine Partei, die ihren Kanzler vier Jahre lang trägt. Dass Steinmeier das Zweite mit der gegenwärtigen SPD schaffen könnte, die immer noch an ihrem Hartz-IV-Trauma und ihrer de facto Spaltung durch Lafontaine laboriert, muss mit guten Gründen bezweifelt werden. Die Partei sucht die Antworten auf ihre Krise weiter links, als dies ein Kanzlerkandidat oder gar Kanzler Steinmeier zu vertreten bereit sein wird.

Weder Schröder noch Müntefering haben es geschafft, die Partei hinter sich geschlossen zu halten. Warum sollte dies unter wesentlich widrigeren Bedingungen ausgerechnet Frank-Walter Steinmeier gelingen? Eigentlich wäre es angesichts der innerparteilichen Mehrheiten in der SPD wesentlich ehrlicher, wenn sich die Partei entschlösse, mit Andrea Nahles als Kandidatin anzutreten, was sie aber aus guten Gründen nicht tut. Denn eine solche Kandidatur liefe auf ein sozialdemokratisches "Projekt 18" hinaus.