Die SPD hat dem Druck also nicht mehr Stand gehalten. Frank-Walter Steinmeier heißt ihr Kanzlerkandidat. Mit dem 52jährigen Außenminister, Vizekanzler und stellvertretenden Parteivorsitzenden werden die Sozialdemokraten in den Bundestagswahlkampf 2009 ziehen. Am Sonntagnachmittag wird die Entscheidung von Parteichef Kurt Beck im Anschluss an eine Klausurtagung der SPD-Führung am brandenburgischen Schwielowsee offiziell verkündet werden.

Überraschend war nur noch der Zeitpunkt, denn eigentlich sollte die Entscheidung erst nach der bayerischen Landtagswahl am 28. September besiegelt werden. Doch offenbar hat Steinmeier seine Parteivorsitzenden Kurt Beck in den letzten Tagen gedrängt, die Kandidatenkür vorzuziehen. Zu groß war die innerparteiliche Unruhe, für die zuletzt unter anderem ein Positionspapier von Parteilinken und der Auftritt von Franz Müntefering im bayerischen Landtagswahlkampf gesorgt hatten. Zu groß war offenbar Steinmeiers Sorge, dass die Erosionsprozesse in der SPD nicht mehr zu stoppen sind. Doch mit der frühen Entscheidung über die K-Frage geht die Partei auch ein hohes Risiko ein, denn der Wahlkampf, den der Kanzlerkandidat nun gegen die Angriffe der politischen Konkurrenz durchstehen muss, dauert noch mehr als zwölf Monate.

Trotzdem: Steinmeier ist ein politischer Senkrechtstarter. Seine Kür zum Kanzlerkandidaten ist eigentlich eine politische Sensation. Denn noch vor drei Jahren kannten ihn nur politische Insider. Der Jurist war unter Gerhard Schröder nur Staatssekretär im Bundeskanzleramt. Er war ein politischer Beamter, der im Stillen für einen möglichst reibungslosen rot-grünen Regierungsbetrieb sorgte. Vermutlich würde er seiner Partei noch immer loyal dienen und anderen die große politische Bühne überlassen, hätte Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck nicht im November 2005 das Angebot ausgeschlagen, Außenminister der Großen Koalition zu werden.

Stattdessen griff Steinmeier zu. Aus dem Beamten wurde ein Politiker, aus dem Parteisoldaten ein sozialdemokratischer Hoffnungsträger und binnen kurzem wurde aus dem Nobody einer der beliebtesten deutschen Politiker.

Natürlich haben Außenminister bei Beliebtheitsumfragen einen strategischen Vorteil. Außenminister reisen durch die Welt und tun in der Innenpolitik niemandem weh. Auch Steinmeier hat sich in seinen drei Amtsjahren systematisch das Image eines seriösen Vertreters deutscher Interessen im Ausland und eines seriösen Konfliktvermittlers erarbeitet. Gleichzeitig hat er sich herausgehalten aus den Konflikten des politischen Alltags: aus den innenpolitischen Debatten über die Rente mit 67, den Gesundheitsfonds oder den Mindestlohn.

Der frisch gekürte Kanzlerkandidat ist trotzdem innenpolitisch alles andere als unbedarft, schließlich ist Steinmeier ein Ziehsohn von Gerhard Schröder, dem er schon seit dessen Zeit in Niedersachsen gedient hat. Zudem hat er die Politik der SPD in der Bundesregierung seit 1998 maßgeblich mitbestimmt. Der Reformkurs, den Schröder im Jahr 2003 eingeschlagen hat, wurde maßgeblich von ihm geprägt. Er gilt als eigentlicher Erfinder der Agenda 2010.