Jürgen Theobaldy lebt seit vielen Jahren in Bern, wo er als Parlamentsschreiber arbeitet. Abends sieht man ihn durch die Gassen der Altstadt gehen, und es heißt, der beneidenswert jugendlich ausschauende Deutsche habe vor Ewigkeiten einen Roman, einen Kultroman fast, geschrieben, etwas mit "Kino" im Titel. Nun weiß ich es genauer. Sonntags Kino heißt der Roman, er ist vor dreißig Jahren im Rotbuch Verlag erschienen. Müsste man ihn kurz zusammenfassen, würde ich sagen: Er erzählt aus einer Zeit, in der es die Langeweile der Sonntagnachmittage noch gab.

Ich habe das Buch in einem Antiquariat gekauft. Als ich es öffne, flattert eine Karte des Verlags heraus. Darauf steht: Theobaldy zeichne in "seiner ersten Prosaarbeit" das Porträt der Jugend einer deutschen Großstadt in den sechziger Jahren. "Nach Arbeitsschluss treffen sich die Lehrlinge 'am Platz'. Sie ziehen von dort in die Stadt, in den Kellerklub, auf den Fußballplatz und sonntags ins Kino."

Von der Langeweile der Sonntage ist in dieser Zusammenfassung nicht die Rede, sie war 1978 wohl noch zu selbstverständlich. Gegenwärtig waren auch der "Amisender" AFN, die Konferenzschaltungen zu den Fußballspielen, und die Narben des Krieges im Stadtbild, von denen der Roman erzählt. Vertraut auch die Angst, so zu werden wie die eigenen Väter, und die Uschis und Karins, die ihren wortkargen, halbstarken Freunden wenig mehr entgegenzusetzen haben als Fügung und vielleicht ein paar schnippische Bemerkungen.

Der Rock 'n' Roll, der in dem Kellerklub – "Stechuhr" heißt er - gespielt wird, war dagegen schon 1978 Geschichte. Aber der wahre Rock 'n' Roll war ja genau besehen schon in den frühen sechziger Jahren passé: "Stimmte es wirklich, dass Chuck Berry im Gefängnis saß, dass Little Richard ein Wanderprediger geworden war", fragt sich Dieter. Ja, selbst die Filme, für die er und die Clique schwärmen, sind Geschichte. Detailliert wird geschildert, wie sie in einem Kino in der Innenstadt Lohn der Angst anschauen, Henri-Georges Clouzots Film ist von 1953.

Diese Verschichtung von Vergangenheit ist sinnvoll: Sonntags Kino verdichtet so die Zeitverlorenheit seiner Protagonisten und wird zum präzisen Bild einer Generation, die man nur deshalb nicht die verlorene genannt hat, weil der Begriff schon von einer früheren Generation besetzt ist. Ihr Nicht-Wissen-Wohin lässt sie von einer besseren Gegenwart träumen: Da ist Paris, von dem Freddi, der Chef des Kellerklubs, erzählt, mit seinen Jazzclubs und den Jungs in den schwarzen Rollkragenpullis und den "existenziellen Zweifeln" - ein neues Wort, das Riko noch nie gehört hat, das ihm aber einleuchtet.

Sonntags Kino erzählt aus der Perspektive der Cliquenmitglieder. Es ist viel erlebte Rede dabei, und wenn man dem Roman einen Vorwurf machen müsste, läge er darin, dass seine Protagonisten gelegentlich differenzierter denken und wahrnehmen, als es ihre geistige Provinz wahrscheinlich macht. Geschuldet ist diese Ungereimtheit der Entwicklung des Autors, der sich von jenem Milieu emanzipiert hat, das ihn – wenn nicht alles täuscht, auf dem Foto auf dem Umschlag zeigt: Er ist der Linke der drei Jungs, die mit Röhrenjeans und Creepschuhen an einer Litfasssäule posieren. "Jürgen Theobaldy, geboren 1944 in Straßburg, aufgewachsen in Mannheim, kaufmännische Lehre, Studium der Literaturwissenschaft in Heidelberg und Köln, seit 1974 in Westberlin", heißt es in der biographischen Notiz des Verlags.