Seismologen wissen es: Die ersten Tage kurz nach einem Erdbeben sind besonders gefährlich, weil Nachbeben bereits beschädigte Gebäude vollends zum Einsturz bringen können. Gleiches gilt für die Finanzmärkte, auch wenn dort die Reaktionszeiten zuweilen deutlich länger sind.

Seit dem Ausbruch der Bankenkrise ist gut ein Jahr vergangen, doch nach der ersten Erholungsphase hat es immer wieder Nachbeben am Kredit- und Aktienmarkt gegeben. Milliardenabschreibungen bei Citigroup und UBS, der Beinahe-Kollaps von Bear Stearns, die angekündigte Verstaatlichung der US-Hypothekenriesen Fannie Mae und Freddie Mac – und nun die tiefe Krise bei der Investmentbank Lehman Brothers.

Allein schon die Tatsache, dass die Lehman-Aktie am Dienstag um 40 Prozent in die Tiefe rauschte und die Bank ihre Bilanzzahlen gezwungenermaßen früher als geplant veröffentlichte, belegt die Fragilität der ganzen Branche: Mit den wiederkehrenden Erschütterungen brachen wichtige Ertragssäulen weg, und es lässt sich kaum abschätzen, hinter welchen glitzernden Bankenfassaden sich ein einsturzgefährdetes Kartenhaus verbirgt.

Lehman Brothers blieb nur noch die Flucht nach vorn, um der Zahlungsunfähigkeit zu entrinnen. Die Veröffentlichung der Quartalszahlen wurde vorgezogen. Wobei der am Mittwoch publizierte Quartalsverlust von fast vier Milliarden Dollar wenig dazu beitrug, das verlorene Vertrauen der Investoren wiederzugewinnen.

Die Investment-Bank muss nun einen Teil ihrer Geschäftssparten verkaufen, um wieder auf die Beine zu kommen. Ob das gelingt oder ob der amerikanische Fiskus wie bei Bear Stearns, Fannie Mae und Freddie Mac mit einer staatlichen Kapitalspritze einspringen muss, ist derzeit noch ungewiss.