Fast ist alles wie früher. Edmund Stoiber marschiert in das große Festzelt in Freising ein, er macht Wahlkampf für die CSU in Bayern. Stoiber wird vom Trachtenverein und einigen Nonnen begrüßt, eine Blaskapelle spielt den "Bayrischen Defiliermarsch". Einzelne "Edmund"-Rufe hallen durch das Bierzelt. Eine alte Frau in Faltenrock und Stützstrümpfen klatscht besonders energisch zum Takt der Musik mit. Der örtliche CSU-Landtagskandidat kündigt Stoiber sogar als "bayrischen Ministerpräsident" an.

Doch die Zeiten sind vorbei. Stoiber ist seit einem Jahr nicht mehr Ministerpräsident, nicht mehr CSU-Chef. Er hat keine Rolle mehr in der ersten Reihe der Politik. Er arbeitet jetzt als EU-Beauftragter für Bürokratieabbau, und niemand weiß so recht, was er in Brüssel macht. Und Stoiber ist "Ehrenspielführer der CSU", wie er sich selber nennt. Das heißt im Klartext: Seine ungeliebten Nachfolger Günther Beckstein und Erwin Huber werden regelmäßig in die Schranken gewiesen. So richtig verziehen hat er ihnen bis heute nicht, dass ihn alle gedrängt haben zu gehen.

Umso selbstbewusster legt er im Freisinger Bierzelt los: "Hier spricht das Original", ruft Stoiber in die Menge und grinst. Es ist seine erste große Rede seit seinem Abschied, und er will zeigen, dass er noch da ist. Er redet vom Erfolg der CSU und betont das konservative Profil seiner Partei. "Wir müssen die Tradition pflegen und den Fortschritt gestalten", beschwört Stoiber die Zuhörer. Schnell kritisiert er die eigene Schwesterpartei. Die CDU sei in Berlin "viel zu glatt gebügelt". Niemand außer seiner bayrischen CSU stehe für konservative Werte.

Sofort wird klar, dass Stoiber mit der Arbeit seiner Nachfolger nicht zufrieden ist. Die CSU müsse "selbstbewusst und erfolgreich auftreten", wiederholt er Mantra-artig, und nicht mit "hängenden Schultern". Dann setzt er die Messlatte, die über Sieg oder Niederlage bei der Landtagswahl entscheiden soll: "49 Prozent ist nicht der Mythos der CSU." Die Zuschauer klatschen artig, aber Euphorie kommt nicht auf. Zwar hatten die CSU-Veranstalter im Vorfeld 6000 Besucher und "deftige Aschermittwochs-Sprüche" versprochen. Doch viele Bierbänke sind leer geblieben.

Stoiber grast in einem politischen Rundumschlag alle Themen ab, die ihm wichtig scheinen: Bildungs- und Energiepolitik, Innere Sicherheit und Integration. Wild springt er von Thema zu Thema, gestikuliert mit den Armen, verhaspelt sich, verschluckt Worte. Dann kommt es zu einem seiner berühmten kleinen Patzer: Stoiber sagt, dass seine Nachfolger die Politik der CSU fortsetzen sollen. "Erwin Huber und … äh, Günther Beckstein." Für einen Moment war ihm der Name des neuen Ministerpräsidenten entfallen. Die Leute lachen.

Kurz darauf kommt Stoiber auf SPD-Mann Franz Müntefering zu sprechen, nennt ihn seinen alten "Mitstreiter". Das Gemurmel im Saal, besonders in den Reihen der CSU-Politiker, verstummt. Müntefering hatte sich vor zwei Wochen mit einer krachenden Rede im Münchner Hofbräukeller zurückgemeldet. Am Wochenende danach trat SPD-Chef Kurt Beck zurück, nun soll Müntefering wieder Vorsitzender der SPD werden.