Zwei Wochen lang hatte Amerika Zeit, sich in die frisch wachgeküsste Polit-Prinzessin Sarah Palin zu verlieben. Ach je, was hat das Land sich Hals über Kopf in diese Affäre geworfen. An Palin war einfach nichts mehr falsch. Eine Stimme des Volkes. Des kleinen Mannes. Und natürlich aller Frauen. Aus der Frische Alaska kommend. Von dörflicher Rechtschaffenheit. Authentisch. Geradlinig. Unbestechlich. Echte Frauen-Power. Oh John McCain, welch genialischer Streich, diese Frau zur Vizepräsidentschaftskandidatin erhoben zu haben! Plötzlich sehen die Umfragen so freundlich aus.

Ja, unter den kontrollierten Versuchsbedingungen eines Parteitages konnte Sarah Palin glänzen. Danach haben aber McCains Mandarine die charismatische Sarah unter Quarantäne gestellt. Bloß nichts sagen lassen, bloß nicht alleine auftreten lassen. Bloß nicht der Presse zum Fraß vorwerfen. Doch irgendwann lässt es sich nicht mehr vermeiden. So tritt Sarah Palin seit dem Wochenende heraus aus der fürsorglichen Umklammerung ihrer Berater. Und siehe da: Die Grundzüge einer Außenpolitik werden sichtbar. Deren wichtigstes Kennzeichen: die uninformierte Kraftmeierei.

"Stimmen Sie der Bush-Doktrin zu?", fragt Fernsehmann Charlie Gibson. Palin zögert. Sie weiß mit der Frage nichts anzufangen. So kontert sie, wie aus dem Lehrbuch, mit einer Gegen-Frage: "In welcher Hinsicht, Charlie?" Gibson merkt, dass sie sich windet, er will sie nicht von der Angel lassen: "Wie interpretieren Sie die Bush-Doktrin?" Wieder eine Pause. Dann: "Sie meinen seine Weltsicht." "Nein", widerspricht einmal mehr der Interviewer, "Bushs Doktrin aus dem Jahre 2002". So geht das weiter. Palin entzieht sich, der Interviewer setzt nach. Dass die Gouverneurin von Alaska, die sich aus geografischen Gründen als Energie- und Russland-Expertin rühmt, keinerlei Ahnung von den Grundzügen Bush’scher Außenpolitik hat, bleibt auch dem letzten Zuschauer nicht verborgen.

Anderntags schreibt der Journalist James Fallows auf der Website von The Atlantic : "Sarah Palin hat gezeigt, dass sie nicht genügend Interesse an Weltpolitik hat, um auch nur minimal gesprächsfähig über derlei Gegenstände zu sein." Und die Reaktion? Entsetzen in Partei und Bevölkerung? Nein, es scharen sich die Truppen der Konservativen um ihre Kandidatin. Formidabel habe sie sich geschlagen, heißt es. Die Sache mit der Bush-Doktrin? Papperlapapp! Es gebe doch nicht nur eine Bush-Doktrin, sondern derer sieben, dröhnt der Kolumnist Charles Krauthammer. Wer wolle da noch mitkommen?

Okay, mag sein. Zugleich wollen wir die Windungen und Wirrnisse Bush’scher Außenpolitik nicht auch noch Sarah Palin vorhalten. Was also hat sie gesagt, das erhellend sein könnte? Beispiel Georgien. Frage: Nato-Mitgliedschaft? Natürlich, meint Palin. Ob das aber nicht bedeute, die Vereinigten Staaten würden gegen Russland in den Krieg ziehen, wenn Russland Georgien nochmals besetze? "Vielleicht käme das so." Als Nato-Partner sei man zur Hilfe verpflichtet, wenn ein Partnerland angegriffen werde – dass Russland Atomwaffen besitzt, scheint nebensächlich. Beispiel Israel: Als Palin nach ihrer Ansicht zu einem möglichen Angriff Israels auf Irans Atomanlagen gefragt wird, meint sie, man solle nicht im Nachhinein kritisieren. Wie wär’s mit vorher? Wenn israelische Jets den Iran erreichen wollen, müssen sie den amerikanisch kontrollierten Irak überfliegen – und zwar nicht ohne amerikanische Genehmigung. Beispiel Irak: Palin verabschiedet junge Soldaten in den Irak, darunter ihren eigenen Sohn und sagt: "Ihr seid dort, um die Unschuldigen vor jenen Feinden zu verteidigen, die den Angriff auf Amerika und den Tod von Tausenden geplant und ausgeführt haben." Will Palin behaupten, dass der Irak etwas mit den Angriffen vom 11. September 2001 zu tun gehabt hat? Nicht mal mehr Präsident Bush wiederholt diese Behauptung.