Der Kaukasuskrieg suggeriert eine Stärke und globale Bedeutung, die Russland nicht mehr hat. Die in die Jahre gekommenen Panzer und Haubitzen, die das kleine Georgien in wenigen Tagen überrollten, können den europäischen Nato-Streitkräften, geschweige denn der amerikanischen Armee keine Angst machen.

Auch die selbstsicheren und brüsken Sprüche der russischen Elite in den vergangenen Wochen müssen niemanden schocken. Denn sie beruhen weder auf einer wirtschaftlich nachhaltigen Stärke noch auf einem global attraktiven Gesellschaftsentwurf. Sie sind weder Ausdruck einer wachsenden jungen Bevölkerung noch fußen sie auf hervorragender Leistung und Erfindungskraft. Sie rühren allein aus der Befriedigung, einen mit den USA verbündeten kaukasischen Kleinstaat in fünf Tagen platt gemacht zu haben. Das macht noch keine Großmacht aus.

Die Europäer dürfen sich also beruhigen. Einerseits. Es war richtig, dass die EU nach dem Kaukasuskrieg nicht überreagiert hat mit Sanktionen und Kriegsgeheul. Es war klug, zu vermitteln statt zu mobilisieren. Und es war richtig, trotz der Besetzung von halb Georgien die Gesprächskanäle nach Moskau offen zu halten. Wenn die EU nun nach dem Schlachtenrauch innehält und fragt, wie es mit Russland weitergehen soll, sollte sie vor allem auf das Andererseits schauen.

Denn nicht am Kaukasus werden die Ambitionen der russischen Elite für Europa unangenehm, sondern in den gasbeheizten Häusern und Wohnungen der Europäer. Nicht die Stärke Russlands muss Europäer beunruhigen, sondern seine strukturelle Schwäche, ein Rohstofflieferant zu sein.

Die Sowjetunion war das auch, aber sie war noch viel mehr: zweitgrößte Industrienation der Welt, führende Forschungsnation, ideologisches Vorbild, Militärmacht auf Augenhöhe mit den USA. Deshalb war die UdSSR ein zuverlässiger Lieferant, deshalb hatten die Sowjets es nie nötig, aus politischen Gründen am Gashahn herumzudrehen.

Anders der viel kleinere russische Nachfolgestaat, der heute dank Öl und Gas an die Wirtschaftsleistung der Beneluxländer heranreicht: Er hat nur die Rohstoffe. Und in Ermangelung anderer Mittel setzt er diese für politische Zwecke ein.