Es ist gegen 23 Uhr finnischer Zeit, als sich Joachim Löw für etwa eine halbe Minute aus der ihm gewidmeten Pressekonferenz ausklinkt, um, gedankenverloren und doch konzentriert, auf einem etwas abseits stehenden Fernsehgerät die wichtigsten Szenen des Spiels zu studieren.

Da unterbricht die nächste Frage den Bundestrainer: Er habe sich doch gerade nochmals die drei Gegentore angesehen, wie er denn die Leistung der Abwehr beurteile, will einer wissen. Löw wendet den Blick langsam vom Flachbildschirm ins Auditorium, nimmt einen Schluck Wasser und entgegnet: "Vor allem habe ich gerade die drei Tore gesehen, die wir erzielt haben".

Es war ein Spiel der Gegensätze, dieses zweite WM-Qualifikationsspiel der deutschen Fußballnationalmannschaft vor 36.000 Zuschauern im ausverkauften Olympiastadion in Helsinki. Und nicht nur die beiden Trainer konnten sich danach nicht so recht entscheiden, ob sie das 3:3 als verpassten Erfolg bewerten sollten - oder eben doch als glücklich abgewendete Niederlage.

"Wenn man dreimal führt und nicht gewinnt, ist das natürlich erstmal ärgerlich", sagte der finnische Trainer Stuart Baxter. "Wenn ich aber an die letzte Viertelstunde denke, als die deutsche Maschine ins Rollen kam, dann werde ich, spätestens morgen früh, sehr glücklich über das Unentschieden sein".

Auch Joachim Löw musste erst einige rhetorische Schleifen drehen ("Natürlich wollten wir hier gewinnen"), bis er sich zu der Erkenntnis durchgerungen hatte: "Wenn man das Spiel gesehen hat, kann man das Ergebnis nur als Erfolg für uns werten. Ich bin hoch zufrieden".

Drei Tore erzielt und trotzdem auswärts nicht gewonnen, das ist bitter. Einerseits. Andererseits: dreimal in Rückstand geraten und doch nicht verloren, das zeugt von großer Moral.

Bestechende Kombinationen, auch gestern wieder vorwiegend über die linke Seite; ein insbesondere in den letzten 20 Minuten fast unwiderstehliches Angriffsspiel mit bis zu drei (Mittel-)Stürmern plus Podolski auf dem Feld – das erinnerte an zwischenzeitlich schon fast vergessene Zeiten ungestümen Powerfußballs während der WM 2006.