Auf der Speisekarte heißt es Wirsingroulade und liegt in einem dreigeteilten Teller. Die Roulade sieht aus wie eines jener prallen Kissen, die man Kleinkindern an die Arme bindet, damit sie im Pool nicht ertrinken. Im übrigen ist sie aus Weißkohl, nicht aus Wirsing. Aber das spielt keine Rolle. Dieser Küche gerät alles gleich. Gleich ungenießbar. Mit dem stumpfen Messer säge ich an der dicken Plaste herum, bis sie nachgibt und ein zweites, nicht weniger dickes Kohlblatt enthüllt sowie den vertrauten Duft des Kümmels.

Ich habe in meiner Küche schon viele Kohlköpfe (weiß) verarbeitet, kann mich aber nicht erinnern, auch nur einmal so dicke Blätter unter dem Messer gehabt zu haben wie hier. Muß eine spezielle Kohlsorte sein, extra gezüchtet für Leute, die sich vor dem Mageneingang einen Shredder haben einsetzen lassen. Die Medizin ist ja sehr fortschrittlich. Als mir die Hand zu erlahmen beginnt, erreiche ich den heißen Kern: rot, fleischanalog, salzig.

Der Teller ist halbiert; eine Hälfte noch einmal in zwei Viertel unterteilt, In einem Viertel dicke, rote Lava, genug, um den Ameisen in meinem Garten ein Pompeji mit Tomatengeschmack zu bereiten. Leider ist mein Garten weit weg, Im letzten Drittel erhebt sich ein Kegel von grobem Kartoffelpüree, trocken wie die Sahara, salzig wie das Tote Meer und solide wie der Fels von Gibraltar: ein Mittagessen für frisch Operierte.

Ich hatte mir vorgenommen, diesmal dem Essen keine Bedeutung beizumessen. Daß es in einem deutschen Krankenhaus schlecht sein würde, war mir klar. Auch Vollwertküche (zu der die beschriebenen Einzelheiten gehören) ist für mich keine Lösung. Da mußt du durch, habe ich mir gesagt. Wird ja mal möglich sein.
Ist es aber nicht. Das Weißkohlkissen war keine Ausnahme, sondern die Norm. Einmal gab es eine Pizza von der gleichen Zähigkeit wie die Kohlroulade. Auch sie füllte die Hälfte des Tellers aus, auch ihr war mit dem Messer nicht beizukommen. Haufenweise werden in einem Krankenhaus die Einwegskalpelle weggeschmissen, aber die Patienten, die damit am Vortag nach allen Regeln der Tranchierkunst aufgeschnitten wurden, müssen sich mit stumpfem Nirosta und rasendem Puls abmühen, von einer Pizza Stücke abzukriegen, damit sie nicht vom Fleisch fallen. Der Überlebenskampf spielt sich hier nicht zwischen Fieberkurve und Hb-Wert der Blutkörperchen ab, sondern beim Essen.

Die Pizza war mit einem Dreikomponentenkleber namens Käse derart versiegelt, daß ich sie mit beiden Händen wie einen Expander auf einen Meter Länge auseinanderziehen konnte, worauf sie bei nachlassender Spannung sofort wieder auf ihre Originalgröße zusammenschnurrte. Im Käse staken Dosenchampignons,
Dosenpaprika. Dosentomaten sowie Gemüsespuren. Allein der Gummiteig aus der grauen und grauenhaft gesunden Mehlsorte hätte mir gereicht. Der Probebiß in den Belag war reiner Masochismus. So bestand meine Diät zwangsläufig aus Vollkornbrot mit Butter am Morgen und Vollkornbrot mit Butter am Abend. Die Qualität der Wurst-. Schinken- und Käsesorten, die ich mir dazu hätte bestellen können, ist hinlänglich in den Steckbriefen beschrieben, die ich seit Jahrzehnten an alle Brandmauern klebe.