Es war einmal ein kleines Mädchen, das lebte in einem kleinen, offenen Zweisitzer, der war innen und außen ganz rot. Und weil auch die Radkappen rot waren, wurde es Rotkäppchen genannt. Eines Tages hält Rotkäppchen mit seinem Roadster vor einer Ampel. Auf dem Notsitz hat sie ein Körbchen mit Wein und ein Glas mit eingemachtem LSD. Wie sie so da steht und auf Grün wartet, bremst neben ihr ein rallye-fertiger Volvo (...). " Ei, Rotkäppchen", sagt der Typ hinter dem Nardi-Holzlenker, "sag, was hast du da auf dem Notsitz?" - "Das ist Geld vom Kuratorium, damit dreh` ich einen jungen deutschen Film", antwortet das Mädchen. "Nein", sagt der Volvo, "das meine ich nicht."

Doch die Ampel wird gelb, und Rotkäppchen gibt Gas, daß die Blätter von den Bäumen fallen. Bei der nächsten Ampel fragt der Volvo wieder: "Sag, Rotkäppchen, was hast du da auf dem Notsitz?" und sie antwortet: "Ein paar Flaschen Urwaldmaggi und eine Tüte Seelenbonbons für die Oma zum Aufkeschern!" Wie der Volvo das hört, da leuchten seine Jodscheinwerfer gierig auf. " Wo wohnt denn die Oma, liebes Rotkäppchen?" fragt er, und das Rotkäppchen beschreibt den Weg. Da macht der Volvo einen U-Turn und steuert seinen Donnerbolzen (...) zur Oma. Unterwegs gerät er in eine Radarfalle der Polizei; die schneidet ihm die Haare, streut Zucker in seinen Tank und bringt ihn zum TÜV, wo er geschlachtet wird.

Mit Rotkäppchen aber kommen noch Hänsel und Gretel und einige andere Typen zu Omas Häuschen. "Großmutter, was hast du für Langspielplatten?" rufen sie. Aber die Großmutter ist nicht zu Hause. Sie ist bei der Schneiderin und läßt die Röcke kürzen. Da machen sie das Glas auf und lassen ihre Seelchen schweben. Und wenn sie nicht aus dem Fenster gesprungen sind, schweben sie noch heute.
DIE ZEIT, 18. November 1966

WOLFRAM SIEBECK ERINNERT SICH:
Rotkäppchen und der Volvo, meine erste Satire für die Humorseite, spielt in der guten, alten LSD-Zeit, als daneben nur noch Haschisch als Partydroge herhalten musste. Die Welt der Kokain-Dealer und der Ecstasy-Schlucker lag noch weit hinterm Horizont, und als Urwaldmaggi bezeichnete man damals Coca-Cola mit Rum. Dass ein aufgebrezelter Volvo zur Umweltverschmutzung mindestens so viel beitrug wie heute ein SUV, entlockte den Lesern keine aufgebrachten Briefe.