Hitler war nicht immer Vegetarier. Er entsagte dem Fleisch erst in seiner Münchener Zeit. Daran sollte man sich erinnern, wenn man, wie ich kürzlich, einige Tage in Deutschlands heimlicher Hauptstadt verbringt und das Ernährungsproblem auf landesübliche, auf bayerische Weise also, zu lösen versucht. Bei früheren Besuchen hatten mich ortsansässige Freunde immer dorthin geführt, wo man nach ihrer Meinung entweder gut ißt oder wenigstens gemütlich sitzt. So kam es, daß ich nie in einer jener Gaststätten war, die für Münchens touristische Bedeutung mitverantwortlich sind. Ich war nie im Hofbräuhaus, nie im Donisl, im Bratwurstglöckl oder im Franziskaner. Nun aber nahm ich mir vor, ein typisch bayerisches Fleischgericht zu probieren: die Kalbshaxe. Ich machte mich auf die Suche nach dem dazu passenden Restaurant.

"Der Franziskaner ... liegt mitten im vornehmen Einkaufsviertel der Stadt ... Speiselokalatmosphäre, wo auch die Gäste der umliegenden Luxushotels abends mal essen...", so informiert ein Buch, das dem Touristen Ratschläge gibt, wie und wo man in München preiswert ißt. Tatsächlich liest man mindestens zweimal jährlich in den Münchener Boulevardzeitungen, daß der amtierende Außenminister der Bundesrepublik mit seinen alten Stammtischbrüdern im Franziskaner gesessen habe. Auch hochadelige Herrschaften in grünem Loden werden dort von Zeit zu Zeit gesehen sowie Filmstars in Jeans und Jusos in Halbtrauer. Die Liste, dachte ich, ist nicht komplett. Also gingen wir hin.

Bei einer Kalbshaxe handelt es sich um ein Wadenstück vom Kalb, mit dem Knochen gebraten. Preis nach Größe, wie es auf den Speisekarten des Franziskaners heißt. Das fand ich sympathisch, wenn auch nur deshalb, weil es mich an Hummer erinnerte. Einem älteren Kellner in grüner Weste gab ich eine detaillierte Beschreibung unserer Wünsche. Er antwortete wie folgt: "Sie können eine Einzelportion Kalbshaxe haben, da ist das Fleisch ausgelöst. Bei zwei Portionen ist es im ganzen. Jawohl, es gibt auch Kalbshaxn für drei. Aber ich möchte Sie warnen, da müssen Sie mit 35 bis 40 Mark rechnen!" Ich bedankte mich für die Warnung und bestellte eine Kalbshaxe für zwei und zwei Bier.

Die Biere, die bald kamen, waren zu meiner freudigen Überraschung in Halblitergläsern abgefüllt, wo ich schon den gefürchteten Maßkrug erwartet hatte. Die Haxe kam erst nach 25 Minuten, was, wie ich weiß, immer ein gutes Zeichen ist. Das Wasser lief mir im Mund zusammen, so appetitlich sah das aus, was der Kellner auf einer Platte heranschleppte: Ein mächtiger Brocken Fleisch, braun gebraten in allen Schattierungen von gold bis dunkelrot, herrlich glänzend vom demi-glace, mit einem herausragenden, sauberen Knochen - im wahrsten Sinne des Wortes ein Augenschmaus, barockes Eßvergnügen verheißend. Gekrönt wurde unsere Haxe von einer kleinen Papierfahne mit aufgedruckter Firmenreklame.

Als wir ihn genügend bewundert hatten, machte sich die grüne Weste daran, den Braten zu zerlegen. Da sie es mit der kurzen und stumpfen Klinge eines normalen Tafelmessers versuchte, stieß sie auf hartnäckigen Widerstand, siegte jedoch schließlich nach mehreren Anläufen knapp, aber verdient. Als der Kellner mit vor Anstrengung zitternden Händen die Fleischstücke servierte, interessierte ich mich für das Papierfähnchen. Auf der mir abgewandten Seite stand handgeschrieben der Preis: 55 Mark.

Fünfundfünfzig Mark, aber es war ja für zwei Personen, beruhigte ich mich. Sie hätte, um der Wahrheit die Ehre zu geben, auch für drei gereicht, trotz des reichen Knorpel- und Sehnenanteils. Erwartungsvoll und hungrig setzten wir die Messer an. Die herrlich braune Kruste war hart und trocken und für mittelkräftige Zähne unverwundbar wie einst der hörnerne Siegfried. Das Innere der Fleischstücke war wunderbar saftig und rosa. Leider auch wunderbar zäh. Und schmecken tat das alles, die appetitlich aussehende Kruste, das herrlich rosa und wunderbar saftige Fleischinnere - nach nichts.