Als am 7. Februar 2007 die britische Bank HSBC die erste Gewinnwarnung ihrer Geschichte vermeldet, ahnt kaum jemand, dass dies der Beginn einer schweren Krise für die Weltwirtschaft sein würde. Erst erwischte es im vergangenen Sommer einige Hedgefonds, dann die deutsche Bank IKB, die schließlich gerettet wurde, später die britische Bank Northern Rock. Im März dieses Jahres rollte die nächste Welle und riss die US-Investmentbank Bear Stearns fast in den Abgrund, in der Not sprang die amerikanische Notenbank mit einer Bürgschaft ein. Vergangene Woche schaffte sich die Wall Street quasi selbst ab; von einst fünf großen unabhängigen Investmentbanken New Yorks blieben zwei. Der US-Versicherer American International Group (AIG) wurde verstaatlicht. Noch dazu will die amerikanische Regierung nun mit 700 Milliarden Dollar die taumelnde Finanzbranche stabilisieren. Welche Lehren sind hieraus zu ziehen? Jan Pieter Krahnen, Professor für Kreditwirtschaft und Finanzierung an der Universität Frankfurt, warnt im Gespräch vor falscher Hysterie und einer überhasteten Reform der Bankenwelt.

ZEIT ONLINE: Herr Krahnen, zerstören die Banker der Wall Street gerade ihr eigenes Fundament: das Prinzip freier Finanzmärkte?

Jan Pieter Krahnen: Das halte ich für übertrieben. Richtig ist, dass wir die Regeln der Finanzmärkte verändern müssen. Wir sollten aus der Krise lernen, statt nun alles infrage zu stellen.

ZEIT ONLINE: Viele Menschen tun das aber. Für sie ist die Krise ein Beleg dafür, dass an den Finanzmärkten blinde Gier regiert: Wenige Spekulanten stopfen sich die Taschen voll und blasen so einzelne Märkte auf, bis sie zusammenbrechen und alle leiden.

Krahnen: Ja, aber ich teile diese Ansicht nicht. Diese Blase ist anders. Der frühere Fed-Chef Alan Greenspan liegt falsch, wenn er behauptet, der Bankenkrach wäre ein bedauerliches und unvermeidbares Fiasko gewesen, das immer wieder vorkommt. Er beschreibt die momentane Krise als eine Art Naturereignis, als einen Tsunami. Die Finanzmärkte würden eben immer von Angst und Euphorie regiert. Ich glaube aber, dass man sich gegen solche Tsunamis durch eine richtige Bauweise schützen kann. Das ist sträflich versäumt worden. Diese Krise ist erklärbar!

ZEIT ONLINE: Wir sind auf Ihre Erklärungen gespannt.

Krahnen: Eine Erklärung führt bis ins Jahr 1929 zurück, dem Jahr der Weltwirtschaftskrise. Damals beschloss der Gesetzgeber in den USA eine Teilung des Bankensystems in zwei Welten: in Geschäftsbanken und Investmentbanken. Letztere Welt entkoppelte sich immer mehr von der klassischen Bankenwelt. Das Geschäft der Investmentbanken, dass sich auf Firmen- und Kapitalmarktgeschäfte beschränkte, wuchs schnell, die Akteure erfanden immer kompliziertere Finanzprodukte, um die Renditen nach oben zu treiben – fernab der Bankenaufsicht. So wie jene "Verbriefungen" am Hypothekenmarkt, ein Geschäft mit anfangs gewaltigen Margen, das letztlich diese Krise ausgelöst hat.

ZEIT ONLINE: Worum ging es bei diesem Geschäft?

Krahnen: Im Kern ging es darum, Risiken zu bündeln und als standardisierte Wertpapiere zu verkaufen. Nach dem 11. September 2001 praktizierte die US-Notenbank eine Politik des billigen Geldes, um die Wirtschaft anzukurbeln. Weil Kredite sehr billig und leicht zu bekommen waren, erfüllten sich viele Amerikaner den Traum vom eigenen Haus – auch solche, die sich dies unter normalen Umständen nicht leisten konnten. Die Darlehen wurden von den Banken in großem Stil vergeben, im Vertrauen auf immer weiter steigende Hauspreise.

ZEIT ONLINE: Was passierte mit diesen Risiken?

Krahnen: Die Wall-Street-Banken kauften diese Kredite den regionalen Geschäftsbanken ab, auch andere Banken waren unter den Käufern. Als dann die Zinsen stiegen und die Preise am Immobilienmarkt wieder fielen, wurden viele Kredite notleidend und die Papiere verloren dramatisch an Wert. Die Banken, die diese im Depots hatten, mussten die Werte in ihren Büchern korrigieren. So erodierte das Vertrauen der Banken untereinander. Später griff die Krise auch auf Anlagearten über, die vorher als gesund galten.

ZEIT ONLINE: Was lief falsch?

Krahnen: Das Problem war, dass am Ende niemand so recht wusste, wo die wirklichen Risiken lagen. Viele dieser Papiere waren einfach mangelhaft konstruiert, die tatsächlichen Risiken waren verschleiert. So konnte sich ein kleiner Teil der Finanzwelt außerhalb jeder Kontrolle zu gewaltiger Größe aufrichten. Angetrieben wurden die Banker durch perverse Anreize, die das System ihnen setzte: Sie wurden im Grunde bezahlt wie Versicherungsvertreter oder Drückerkolonnen. Kassiert wurde schon bei Geschäftsabschluss – eine Beteiligung an dem langfristigen Erfolg der Kredite gab es nicht.

ZEIT ONLINE: Einige dieser Banker hatten Jahresgehälter von mehreren Millionen Euro.

Krahnen: Ja, aber auch Banker, vor allem die jüngeren unter ihnen, sind nun tief gefallen, weil sie ein Großteil ihres Gehalts in Form von firmeneigenen Aktien erhalten haben, die nun völlig wertlos sind. Einige haben sich mit Glück gerettet. Solche Leute sind vielleicht Gewinner, aber sicherlich keine Gewinner der Krise.

ZEIT ONLINE: Gab es die denn?

Krahnen: Ja. Zum Beispiel jene Hausverkäufer, deren Geschäftspartner die Kredite auf dem Höhepunkt des Immobilienbooms aufgenommen haben. Das war zweifelsohne ein gutes Geschäft.

ZEIT ONLINE: Wer trägt nun die Verantwortung für das Desaster?

Krahnen: Zuallererst die Bankvorstände. Sie haben toleriert, dass in ihren Häusern riskante Geschäfte getätigt wurden, obwohl sie deren ökonomischen Kern oftmals gar nicht verstanden hatten. Mitschuld tragen auch die Rating-Agenturen. Sie sind ihrer Rolle als kritischer Prüfer überhaupt nicht gerecht worden - bei der Beurteilung der Kredite wurde nicht wirklich hingeschaut.

ZEIT ONLINE: Ein kollektives Versagen.

Krahnen: Ja, aber es gab auch ein Kommunikationsproblem: Die Erfinder dieser neuen, komplexen Papiere waren Finanzingenieure, oft Mathematiker und Physiker. Die klassischen Banker haben ihr überlegenes Wissen zur Kreditqualität oftmals nicht einbringen können – so schlichen sich systematische Fehler bei der Bewertung der Risiken ein.

Lesen Sie im zweiten Teil des Interviews: Die Rückkehr des Staates - sollen die Notenbanken die taumelnden Banken stützen?