Auf dem Teppich entschwebt

"Wahrscheinlich kann niemand grundsätzlich erklären, was Musik ist und warum sie entsteht, das hat mich immer wieder beschäftigt", sagte Mauricio Kagel einst in einem Interview. "Es ist meine Überzeugung, dass ich Komponist geworden bin, weil ich glaubte, durch das Schreiben von Musik würde ich Antworten finden. Mitnichten. Jetzt bin ich nicht mehr der Jüngste, aber ganz glücklich über das Fehlen einer gültigen Definition – das Geheimnis besteht weiterhin."

Mauricio Kagels Musik zu hören ist wie auf einem fliegenden Teppich zu verreisen. Mit wackeligen Beinen steht man auf kunstvoll gewobenem Stoff und bestaunt Unbekanntes. Aufbruch ins neue Land – wie faszinierend! Ein Gefühl von Mobilität erstarkt, und der Eroberungsgeist erwacht.

Es liegt in der Natur des Menschen, sich in solchen Momenten zu fragen: Was kann man aus dem Erlebten machen? Und was erwartet mich als Nächstes? Reist man mit Air Kagel, ist es keine herkömmliche Teppichreise. Denn der Pilot zieht dem Hörer das Knüpfwerk unter den Füßen weg und grinst dazu auch noch. Die Landung auf dem Allerwertesten ist unbequem.

Was hat das Publikum wohl gedacht, als es 1971 in der Hamburger Staatsoper die Uraufführung von Staatstheater erlebte? Eine dekonstruktivistische Oper, in der Starsolisten stammeln und banale Gesten ausführen. Nun, die Menschen sind verschieden: Konservative Geister buhten, Dekonstruktivisten jubelten, Faschisten schickten Drohbriefe, und Kagel rieb sich die Hände. Keiner seiner Komponistenkollegen beherrschte das Spiel mit Erwartungshaltungen so gut wie er.

1931 wurde Mauricio Raúl Kagel in Buenos Aires geboren, 1957 übersiedelte er nach Deutschland. Er floh vor dem Peròn-Regime, das von Komponisten einen trockenen neoklassizistischen Stil einforderte.

Auf dem Teppich entschwebt

Als Karlheinz Stockhausen damals Synthesizer entwickelte, war Mauricio Kagel nicht beeindruckt. Zu selbstsüchtig erschien ihm die Suche nach der akustischen Stunde Null. Im ewigen Vorwärtsdrang lotete Kagel das Verhältnis zwischen moderner Musik und dem Traditionellen aus. Performative Ebenen transzendierten seine Musik, schließlich drehte Kagel zahlreiche Filme und revolutionierte im Studio für akustische Kunst des WDR das Genre Hörspiel. An der Kölner Hochschule für Musik erhielt er 1974 eine Professur für Musiktheater.

Im herausragenden Spätwerk Playback Play (2000) spielt das Ensemble Musikfabrik NRW zu den Klängen einer Musikmesse. Da ringen tonale Ereignisse mit schnöden Durchsagen. Das Stück Bestiarum (1974/75) wird auf Lockpfeifen aus aller Welt gespielt.

Während der Entführung Aus Dem Konzertsaal (2000) betritt nur das halbe Orchester die Bühne. Die Hälfte der Musiker wurde entführt, der Dirigent wird ständig vom klingelnden Telefon unterbrochen. Am anderen Ende der Leitung ist der Erpresser, von TV-Fiesling Martin Semmelrogge gesprochen: "Rück die Kohle raus!" Als das Publikum hört, wie die ersten Geiseln erschossen werden, kippt die Stimmung im Saal. Schluss ist mit lustig, aus Komik wird Beklemmung.

Renaissance-Musik (1965/66) ist ein Stück zeitgenössischer Musik für Instrumente, die als altmodisch gelten. Seine Komposition Exotica von 1970 geht noch einen Schritt weiter: Die Musiker spielen auf Instrumenten, die sie vorher noch nie gesehen haben. Mauricio Kagel stellt dem regressiven Orchesterapparat sein progressives Bestreben gegenüber.

Auf dem Teppich entschwebt

Er wollte den einzelnen Instrumentalisten zur Kreativität zurückführen. So entfernen sich seine Werke vom Bild des Musikers als reinem Vollstrecker. Die Notation und ihre Aufführung in Konflikt miteinander zu bringen, den Ausführenden Richtungen und Grenzen des Werks zu verschleiern – all das stiftete die Verwirrung, die Kagel ins Positive kehrte.

Natürlich erhielt er hierfür den Nimbus des Respektlosen. An der westlichen Kultur störte ihn, dass der Schein über die Substanz gehoben wird. Das gilt im Musikbetrieb genauso wie in der Politik. Ohne sich des Populismus zu bedienen, kommt man dort nicht weit. Ein Zustand, den er in seinem Hörspiel Der Tribun (WDR, 1979) torpediert. Kagel schlüpft in die Rolle eines Redners. Aus dem Hintergrund schallt triumphale Blasmusik, Kagel agitiert in einem Kauderwelsch aus imaginierten Schlagzeilen und Polit-Slogans.

Hat er nun Musik gemacht oder Satire? Ihn einfach nur als den Komiker unter den Komponisten der Moderne abzustempeln, ist falsch. Oder vielleicht nicht? Wenn sich das Publikum nun mal am Vordergründigen orientiert, warum sollte es ausgerechnet seinen Hintergrund verstehen wollen? Die Satire hat ihn berühmt gemacht, doch ohne Musik wäre er nichts.

"Schon als Kind waren mir Menschen verdächtig, die furchtbar ernst waren", sagte er dem britischen Wire-Magazin 2003 in einem Interview. "Es ist doch ziemlich lächerlich zu behaupten: Ich bin ernst. Und wenn diese Ernsthaftigkeit mit einer Ideologie verknüpft ist, so ist sie zumeist eine Maske. Humor hat eine metaphysische und philosophische Dimension, die mich tief berührt. Und ich kann nur Menschen ernst nehmen, die einen Sinn für Humor haben. In unserem Beruf gibt es viele Menschen, die Ernsthaftigkeit benutzen, um der Welt aufzudrängen, wie wichtig sie als Komponisten oder Dirigenten sind. Mit Humor kann man ein großes Spektrum an Ideen zum Ausdruck bringen."

Preise pflasterten seinen Teppich. Zweimal gewann er den Karl-Sczuka-Preis, sowie den Hörspielpreis der Kriegsblinden, den Prix Italia und den sogenannten Nobelpreis für Musik, den Ernst-von-Siemens-Preis. Mauricio Kagel starb am 18. September in Köln. Er wurde 76 Jahre alt.

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