Es kam für die CSU noch weit schlimmer als von vielen erwartet oder befürchtet: Bei der ersten Nach-Stoiber-Wahl verlor die weißblaue Staatspartei nicht nur ihre seit Jahrzehnten gewohnte absolute Mehrheit in Bayern - sie brach um 17 Prozent auf 43 Prozent ein, ihr schlechtestes Ergebnis seit 54 Jahren. Ein einzigartiges Debakel, ein steiler Sturz aus den lichten bayerischen Alpenhöhen in den tristen Krisenalltag der deutschen Volksparteien.

Das Wahlergebnis rüttelt an den Grundfesten der CSU. Zerschmettert ist ihr Nimbus der Unbesiegbarkeit, hinweggefegt ihre Sonderstellung in der deutschen Parteienlandschaft – die absolute Dominanz im Freistaat und die Symbiose mit dem Bayerntum, die so lange das Geheimnis ihres Erfolgs war. Diese eitle Selbstherrlichkeit wird nicht wiederkommen.

Die CSU kann trotz des historischen Einbruchs voraussichtlich weiter regieren. Aber erstmals seit 1966 muss sie eine Koalition bilden und damit ein gehöriges Stück Macht abgeben. Eine für sie völlig ungewohnte Situation. Die FDP, die nach 14 Jahren die Rückkehr in den Landtag schaffte, und die Freien Wähler, die als erste Nicht-Partei in ein deutsches Landesparlament einzogen, stehen als Koalitionspartner bereit. Doch für die CSU wird es nie mehr so sein wie vor diesem Sonntag.

Die Gründe für die katastrophalen Verluste der so lange allmächtigen CSU sind in den vergangenen Wochen vielfach beschrieben worden: Das neue Führungsduo aus Parteichef Erwin Huber und Ministerpräsident Günter Beckstein, das vor einem Jahr die Macht übernahm, erwies sich als zu viel schwach, der Partei und dem Land neue Perspektiven aufzuzeigen. Als Teil des alten Stoiber-Systems blieben sie nicht mehr als blasse Erblas(t)verwalter. Ihre Tage dürften gezählt sein.

Der Abstieg der CSU begann aber schon früher, nämlich nach der letzten Landtagswahl, ausgerechnet als Edmund Stoiber ein Rekordergebnis einfuhr und eine Zweidrittel-Mehrheit im Landtag eroberte. In der ihm eigenen Hybris überzog er das Land danach mit überspannten Reformen. Damit brachte er selbst die treuesten Anhänger gegen sich und die Partei auf und löste am Ende seinen eigenen Sturz aus. Huber und Beckstein bekamen nun die verspätete Watschn dafür, dass die CSU das Gespür für das Lebensgefühl der Bayern verloren hat.

Die CSU erlebt jetzt mit Verzögerung das, was CDU und SPD schon seit längerem durchleiden: das unaufhaltsame Abschmelzen der Volksparteien. Wie die SPD in deren alten Hochburgen hat die CSU die Ursachen dafür selbst geschaffen – durch ihre eigenen Erfolge: Sie hat Bayern in den vergangenen Jahrzehnten vom Agrarland zu einem der führenden Industriestandorte in Europa gemacht, mit den höchsten Wachstums- und geringsten Arbeitslosenzahlen in Deutschland. Sie hat das Land modernisiert, die Verwaltung, die Infrastruktur, das Bildungssystem, – und die Menschen damit von sich selbst entfremdet.