Die CSU ist bei der bayrischen Landtagswahl aufs Schwerste abgestürzt, ihre absolute Mehrheit wurde nach 46 Jahren Alleinherrschaft pulverisiert. Sie hat mit über 17 Prozentpunkten mehr verloren als jemals zuvor eine Partei seit 1950 bei einer Landtagswahl. Die bisherige weißblaue Staatspartei wurde auf Normalmaß zurechtgestutzt. Sie misst sich fortan mit CDU-Landesverbänden wie Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen oder Hamburg. Der bayerische Sonderweg, der die CSU zur erfolgreichsten Volkspartei in Deutschland gemacht hat und auch im europäischen Kontext seines Gleichen suchte, ist zu Ende.

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Doch es war mehr als eine derbe Wahlschlappe, die einem Pannenwahlkampf geschuldet ist und dem wenig überzeugenden Spitzenpersonal. Wenn viele Christsoziale und Christdemokraten diese Wahl für einen Ausrutscher halten, der sich bei nächstbester Gelegenheit rückgängig machen lässt, irren sie gewaltig. Schließlich hat der Absturz Gründe, die weit über das aktuelle Wahlergebnis herausragen.

Aus Sicht von Wahlsoziologen gibt es eine ganze Reihe von externen und internen Faktoren, die lange Zeit den außergewöhnlichen Erfolg der CSU und ihre beispiellose Vormachtstellung begründet haben. Da ist erstens die starke regionale und kulturelle Verankerung der Partei. CSU und Bayern bildeten lange eine Einheit. Zweitens profitierte die CSU von der engen Bindung der katholischen Wähler an sie. Drittens war sie immer eine marktschreierische bayerische Interessenvertretung im Gesamtstaat, erst in Bonn, dann in Berlin.

Viertens war die CSU außerordentlich erfolgreich bei der Transformation des Landes von einem zurückgebliebenen Agrarland zu einem modernen Industriestaat. Dabei verstand sie viele Jahrzehnte lang, die bayerischen Wähler mit kultureller Hegemonie und einer quasi-sozialdemokratischen Umverteilungspolitik einzubinden. Kurz gesagt, markierte die Verbindung von Tradition und Moderne, von Populismus und Reformen, von Laptop und Lederhose fünf Jahrzehnte lang das christlichsoziale Erfolgsrezept.

Und jetzt? Die Welt hat sich gewandelt, selbst die heile bayrische, sie ist individueller, heterogener und bunter geworden. Die Wählerbindungen haben sich gelockert, jeder dritte Wähler ist auch im Freistaat mittlerweile ein Wechselwähler. In Bayern gibt es mittlerweile schwule Bürgermeister und CSU-Landräte, die die Elternzeit in Anspruch nehmen. Frauen gehen arbeiten, Männer nicht mehr an den Stammtisch. Die bayerische Jugend lauscht lieber Hip-Hop als Trachtenkapellen.

Zudem hat sich besonders das städtische Bürgertum von der Union entfremdet, junge Katholiken wählen nicht mehr automatisch die C-Partei. Die Mehrheit der CSU-Wähler hat keine Kirchenbindung mehr. Und in Berlin hat die CSU erheblich an politischem Einfluss verloren, seit dort die Große Koalition regiert. Der Versuch, mit Forderung nach Steuersenkungen und Wiedereinführung der Pendlerpauschale von der Regierungsbeteiligung in Berlin abzulenken, ist gescheitert.