Jürgen Klinsmann und Bayern München unterschreiten im Spiel gegen Hannover alle eigenen und fremden Ansprüche, so zumindest urteilt die deutsche Sportpresse. Die FAZ nennt die überraschende Aufstellung des Trainers sogar "Klinsmanns Rotationsstörfall".

Selbst die Spieler aus Hannover äußerten sich verwundert, dass Klinsmann Breno und Sosa aufgestellt hatte. Robert Enke wird mit den Worten zitiert: "Wir wussten, dass die Bayern mit dieser Aufstellung nicht eingespielt sein konnten." Und Mike Hanke sagt: "Wir haben uns verarscht gefühlt, als wir deren Aufstellung gesehen haben. Der Trainer hat gesagt: Nehmt das als Ansporn!"

Markus Lotter (Berliner Zeitung) hält Jürgen Klinsmann kopflosen Aktionismus vor: "Die Bayern des Jeden-Tag-immer-besser-Machers wirken nicht fitter als die Konkurrenz, leiden offensichtlich unter den zahlreichen Feldversuchen des Klubtrainernovizen. Im Gegensatz zu seiner Ankündigung, erst einmal eine Stammelf einspielen zu lassen, rotiert Klinsmann so wild mit Personal und Taktik wie sonst keiner in Europa. Sogar Kapitän van Bommel hat er für den internen Konkurrenzkampf freigegeben. Eine Führungskraft sollte immer berechenbar sein, hat Ottmar Hitzfeld einmal gesagt. Und der ist bis auf Weiteres Deutschlands erfolgreichster Klubtrainer."

Roland Zorn (FAZ) stimmt ein: "Klinsmann hat es mit seiner Experimentierlust und Belastbarkeitsrhetorik in dieser für ihn düsteren Laborwoche übertrieben. Vielleicht muss auch er in seinem Job noch viel besser werden."

Rainer Schäfer (Spiegel Online) hingegen hofft auf verzögerte Klinsmann-Effekte und verlangt Langmut: "Selbst wenn Klinsmann die Schwierigkeiten beim Umbau der Mannschaft unterschätzt haben dürfte, es wäre zu einfach, das Reformprojekt Bayern 2008 für gescheitert zu erklären. Es lohnt sich, Geduld aufzubringen, wie Klinsmann bei der Neuausrichtung der Nationalmannschaft bewiesen hat. Wer ihn jetzt schon infrage stellt, nach 540 Minuten gespielter Bundesliga, zählt auch zu den Verhinderern von Fortschritt.

Klinsmann zählt mit Bruno Labbadia, Ralf Rangnick, Martin Jol oder Jürgen Klopp zu den Trainern, die es sich zum Ziel gesetzt haben, das Niveau der Profis und der Liga zu heben. Aber gerade im Umgang mit neuen Konzepten zeigt sich die ganze Engstirnigkeit, Skepsis und Rückständigkeit im deutschen Fußball. Gerne wird auf die Attraktivität der spanischen Liga oder der Oligarchen-Fußball-Kolonie England verwiesen, aber neuen Impulsen im eigenen Land wird mit Argwohn und Häme begegnet. (…) Zumindest bis zur Winterpause sollte man ihn in Ruhe arbeiten lassen."