Sonnig ist es an diesem Morgen, am Tag eins nach der "Revolution in Bayern" ( Bild ). Die Vögel zwitschern fröhlich auf dem Dach der CSU-Parteizentrale, Schulkinder ziehen lärmend vorbei. Kein Zweifel, die Erde dreht sich weiter, obgleich für viele CSU-Anhänger am Sonntagabend um 18.00 Uhr eine politische Welt eingestürzt ist. Ihre Partei, die jahrzehntelang den Freistaat nach Belieben allein beherrschte, wurde von den Wählern abgestraft, ja regelrecht zerrupft.

Entsprechend sehen die Vorstandsmitglieder aus, die an diesem Morgen ins Franz-Josef-Strauß-Haus zur Krisensitzung kommen. Sie sind gereizt, übermüdet und zornig. Einige haben gerade im Radio oder im Internet erfahren, dass die Generalsekretärin Christine Haderthauer noch in der Nacht zurückgetreten sei. Keiner bedauert diese Entscheidung, die sich kurze Zeit später als Falschmeldung entpuppt. "Richtig so", sagt ein Präsidiumsmitglied. Haderthauer sei schließlich für den "furchtbaren Wahlkampf" verantwortlich.

Der Blick des Parteigranden hat, wie der vieler anderer auch, etwas Blutrünstiges: Die CSU-Funktionäre lechzen förmlich nach einem Schuldigen, nach einem, auf den man nun fürchterlich schimpfen kann nach dieser Niederlage.

Um 10:30 Uhr betreten Ministerpräsident Günther Beckstein und Parteichef Erwin Huber den Vorhof in der Nymphenburger Straße. Das Führungsduo, von dem schon am Wahlabend viele Christsoziale persönliche Konsequenzen geforderten hatten, tritt gemeinsam auf, wie immer in den letzten Wochen. Schulter an Schulter stehen beide da, die Statements ähneln einander wie immer bis in den Wortlaut. "Schonungslos", aber "geordnet" müsse die CSU das Wahlergebnis nun analysieren. Über solch ein Wahlergebnis könne man selbstredend "nicht einfach so hinweggehen".

Werden sie zurücktreten, zumindest einer von beiden? Diese Frage interessiert die knapp 50 Journalisten, die sie umringen, am meisten. Man werde "ohne Tabus über alles sprechen" – mehr ist dem glücklosen Duo in diesem Moment nicht zu entlocken.

Während Beckstein und Huber sich noch winden, läuft an ihnen leise lächelnd Horst Seehofer vorbei, der Mann, der von vielen Christsozialen als wahrscheinlicher Nachfolger gehandelt wird, zumindest für das Amt des Parteivorsitzenden, vielleicht auch für das des Landesvaters. Angeblich haben sich Seehofer und der frühere Parteichef Edmund Stoiber an diesem Morgen schon in aller Früh getroffen, um die Strategie zur Wachablösung abzusprechen. Im Ziel jedenfalls sind sie sich einig: Seehofer möchte Parteichef werden, Stoiber es denen heimzahlen, die ihn 2007 gestürzt haben.